Atheismus – so wenig dogmatisch wie möglich 3


Dogmen (umfassend verstanden, also bei weitem nicht nur religiöse) und Diktate bestimmen weithin unsere Welt.
Man mag bedauern, dass die Menschen offenbar nicht gar so gern eigenständig denken – aber um das Faktum, wie sehr wir alle fremdbestimmt sind (uns von Fremden und Fremdem bestimmen lassen), kommen wir nicht herum. Und es gibt auch kein Herumkommen um die Tatsache, dass dies schon öfter katastrophal geendet hat – wenn wir etwa nur an die Beispiele Nationalsozialismus und Stalinismus denken, die nicht einmal 100 Jahre zurück liegen.
Für die aktuellen Fremdbestimmungen sind leider sehr viele blind. Und sogar hinterher brauchen viele offenbar noch ziemlich genaue Hinweise, also eine neue Fremdbestimmung, um wenigstens die alte wahrzunehmen.

Dieser Vorliebe für Dogmen im Publikum steht naturgemäß eine Vorliebe für Dogmen bei jenen gegenüber, die sie erschaffen. Bei jenen also, die dogmatisch und diktatorisch auftreten.

Zumindest zu diesen will ich nicht gehören, und zwar seit jeher.
Seit jeher war es mir ein inneres Bedürfnis, meine nach außen gerichteten Anliegen möglichst genau und gründlich darzulegen. Schlicht ausgedrückt: sie gut zu begründen.

Das halte ich schon gar nicht anders, wenn es um das Konzept eines Atheismus geht, der sich einbildet, ausgerechnet eine Religion sein zu wollen. Für alle, die sich mit einem ihnen angebotenen Gedankengut leichter tun, wenn für dieses einige Begründungen mitgeliefert werden, daher im Folgenden das Konzept, bei dem die dogmatischen Vorgaben auf ein Minimum reduziert sind.

Wie Religionen bisher entstanden sind

Es ist zwar nicht direkt beweisbar, dass es noch nie jemanden gegeben hat, der überhaupt nichts von Religion wußte und auf die Idee verfiel, eine solche zu gründen. Aber alle Beispiele, die mir einfallen, waren Gründungen aus einem Gefühl der Unzufriedenheit mit einer (bzw. den) alten Religion(en). (Ja, das etwas abstrakte Beispiel der angeblich ersten Religion muß ich wohl gelten lassen, aber diese Verhältnisse sind ein für allemal vorbei.) Dass jene, die am Beginn der Idee einer „Atheistischen Religionsgesellschaft“ beteiligt waren, von anderen Religionen nichts gewußt hätten oder mit einer solch anderen Religion ohnehin zufrieden gewesen wären, wäre aber ganz sicher eine völlig absurde Behauptung, die sich leicht und konkret an den beteiligten Personen widerlegen läßt.

Religionsgründung ist also naturgemäß immer mit Religionskritik (artikulierter oder nicht artikulierter) verbunden. Das ist sowohl Belastung wie auch Chance, es kann oder könnte jedenfalls auch Chance sein.
Aus verschiedenen soziologischen (u.a. auch kircheninternen) Erhebungen ist ja bekannt, dass vielen die Art und Weise, mit denen Religionen hierzulande auftreten, nicht behagt.

Problematische Aspekte anderer Religionen

Wir gehören zu jenen Menschen, die folgendes an vielen etablierten Religionen problematisch finden:

  • Irrationale Glaubenslehren stehen im Zentrum;
  • sie genießen umfangreiche und für viele unverständliche Privilegien seitens des Staates;
  • mittels Gruppenzwang und anderer Gängelungsversuche werden Mitglieder rekrutiert;
  • subtil ausgeübte (häufig psychische) Gewalt artet in Menschenrechtswidrigkeiten aus;
  • über opportunistische Doppelmoral wird z.B. die Erhaltung der eigenen Machtposition als oberste Priorität betrieben;
  • Feindbilder (heute häufig: Atheismus und Ungläubigkeit) werden beharrlich beibehalten.

Solches Verhalten (das nicht auf alle gesetzlich anerkannten Kirchen oder Religionsgesellschaften oder staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaften zutrifft, und neben dem es in allen Religionsgemeinschaften durchaus auch positive Züge gibt) halten wir für kontraproduktiv für das Miteinander in unserer Gesellschaft.

Viele Menschen empfinden die oben genannten Phänomene als problematisch und störend, ziehen aber unterschiedliche Konsequenzen aus dieser Unzufriedenheit. Manche verhalten sich ausgesprochen religionsfeindlich und üben lautstark Kritik, manche ergreifen sozusagen still die Flucht und wollen nie wieder etwas mit Religion zu tun haben, andere wiederum verharren hartnäckig als Mitglieder in solchen Religionen, um dort „von innen“ etwas zum Besseren zu verändern, und wieder andere haben sich offenbar mit den Umständen arrangiert, bleiben Mitglieder solcher Religionen sozusagen in innerer Emigration bzw. als Heuchler, um zwar deren Vorteile zu konsumieren, aber nicht im Sinn dieser Religion zu leben.

Atheismus als Lücke im religiösen Angebot

Unsere Gruppe gehört zu den wenigen, die einen Weg beschreiten, der in Österreich 1998 mit dem Bekenntnisgemeinschaftsgesetz eröffnet wurde: eine neue Religion zu gründen. Da auch die „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“ (kurz „Pastafaris“) in ihrem Antrag ein theistisches Glaubenskonzept  zugrunde gelegt hat sehen wir in unserem (bevorstehenden) Antrag eine wesentliche, wichtige und längst fällige Erweiterung des spirituellen Angebots. Bisher gibt es nämlich neben etlichen theistischen mit dem Buddhismus eine einzige „nichttheistische“ (nach ihrem eigenen Verständnis), aber überhaupt keine atheistische Religion. Diese Lücke im spirituellen Angebot wollen wir schließen.

Dass Atheismus sich prinzipiell als Religion verstehen kann wird zwar immer wieder bestritten, ist aber kein Problem: Weder in der Religionswissenschaft noch in anderen Disziplinen hat sich eine allgemein anerkannte Definition von „Religion“ herausgebildet, die das ausschließt. Es gibt sogar konkrete Hinweise in der internationalen Gesetzgebung, dass Atheismus als Grundlage einer Religion durchaus möglich bzw. angedacht ist. Und eine juristische Gleichstellung atheistischer Weltanschauung mit Religion ist längst in manchen Staaten realisiert. Für mich persönlich ist es ein notwendiges Kennzeichen (aber keine hinreichende Definition) „religiöser“ Absichten, wenn sie mit einer Ernsthaftigkeit betrieben werden, die das ganze (persönliche) Leben durchdringt und von starkem persönlichem Engagement getragen werden.

Grundsätzlich spricht für uns nichts dagegen, Religion als etwas (auch) Positives einzuordnen. Für problematisch halten wir vermeidbare Fehlentwicklungen und Missstände. Weltweit sind ja in vielen Fällen und immer wieder Religionen ein Teil des Problem, das sie zu lösen vorgeben – nämlich dadurch, dass nicht nur lokale, regionale oder globale Konflikte oft in religiösem Kontext stehen, sondern auch persönliche Antipathien und Vorbehalte, gegenseitiges Nichtverstehen bis hin zu Verachtung und Feindschaft. Zwar ist Menschenfreundlichkeit bzw. Humanität ein expliziter Grundsatz in vielen Religionen – aber dennoch werden viele Feindbilder offensichtlich beharrlich gepflegt, verursachte respektlose Übergriffe bis hin zu Menschenrechtsverletzungen ebenso beharrlich abgestritten.

Konflikte konstruktiv bereinigen

In Konflikten prallen oft gegenteilige, unverträgliche emotional dominierte Sichtweisen und Wahrnehmungen aufeinander. Wir sind davon überzeugt, dass eine Entschärfung oder Lösung von Konflikten am besten über Dialog und Verständigung – also über die Verstandes- und Vernunftebene – gezielt angegangen werden kann. Für konstruktive Beiträge zur Friedensstiftung sehen wir daher in unserem vernunftorientierten religiösen Grundansatz von Haus aus eine sehr gute Voraussetzung.

Daher haben wir uns auf einige Leitlinien geeinigt, die auf Freiheit und Würde des Menschen beruhen, in sich möglichst wenig Schädigungs- und Konfliktpotential enthalten und die wir (in religiöser Selbstbestimmung möglichst) konsequent verfolgen wollen:

  • Keinerlei Einengung und Zwang (sofern nicht der Schutz der Freiheit anderer eine Beschränkung erfordert),
  • Gratis-Mitgliedschaft,
  • jederzeit ungehinderte Austrittsmöglichkeit.
  • Förderung der persönlichen Entwicklungspotentiale für Kinder,
    Beitrittsmöglichkeit aber erst ab dem Alter der (nach staatlichem Recht) vollen Religionsmündigkeit.
  • Generell keine Nötigung, Unvernünftiges zu glauben.

Aus der Absage an Irrationalitäten ist unser (zeitlich zuerst formulierter) zentraler atheistischer Ansatz entstanden:

Kurz gefasst glauben wir, dass jeweils Menschen ihre Gottheiten (und ihre Geschichten und so weiter) erschaffen haben, sodass alle diese Gottheiten letztlich immer nur als jeweils von Menschen erschaffene Gottheiten existieren.

Dieser Ansatz kann nicht ganz undogmatisch sein. Die Existenz von eigenständig aktiven Gottheiten, die beispielsweise die Welt geschaffen haben könnten, läßt sich (bisher) streng weder beweisen noch widerlegen. Aber es ist wenig glaubwürdig, dass ein allfälliger göttlicher Schöpfer des Universums uns Menschen besonders wohlgesonnen sein könnte (siehe Theodizee). Nur für den Fall, dass wir intellektuell und interpretatorisch völlig ungeeignet (von diesem Schöpfer) ausgestattet sind, unser Wohlbefinden selber beurteilen zu können, käme das in Frage. Unter dieser Voraussetzung dennoch an des Schöpfers Wohlwollen zu glauben – dazu können sich wohl nur wenige überwinden.

Vernunftgeleiteter Dialog als zentrales „Werkzeug“

Darüber hinaus setzen wir uns auch in anderer Hinsicht intensiv (und fokussiert auf Verständigung) mit herkömmlicher Theologie und Spiritualität anderer Religionen auseinander. Ein wunder (und des tieferen Nachdenkens werter) Punkt scheint uns das Verständnis des Verbs „glauben“ zu sein. Im Gegensatz zu anderen Religions- bzw. Glaubenssystemen sehen wir im Glauben und in gläubiger Haltung keinen besonderen Wert und keine Tugend. Gerade als besonders „tugendhaft“ propagierter Glaube hat ja erwiesenermaßen immer wieder Gewalt und Unheil gebracht – auch Ideologien wie die eingangs erwähnten konnten sich nur auf Basis der verbreiteten Bereitschaft zu gläubiger Haltung und unkritischer Folgsamkeit in ihrer katastrophalen Weise entfalten. Als wertvoll und erstrebenswert erachten wir das gewissenhafte, unablässige (d.h., nie an ein Ende kommende bzw. immer wieder neu ansetzende) eigenständige Denken, basierend auf empirischen Befunden und Erfahrungen, als den Königsweg zur Weisheit und zum guten Leben, vor allem aber zur Verständigung und zum Austausch mit anderen. Als Fundament dafür ist Selbstsicherheit und optimistische Grundhaltung nötig – was man durchaus auch einen Glauben an sich selbst, an die eigenen Fähigkeiten und Lebenbedingungen nennen kann. Die Auseinandersetzung mit „Glaube“ und „Gläubigkeit“ erfordert also einiges an Differenzierung.

Auf Theorien wollen wir uns aber nicht beschränken. Im bisherigen religiös-weltanschaulichen Angebot nicht gedeckte Bedürfnisse (die man im weitesten Sinn als spirituell einordnen kann) der Menschen wollen wir nach und nach aufspüren und in der Folge auch möglichst abdecken.

Die Zukunft wird zeigen, wie wir uns weiterentwickeln. Pläne dafür haben wir durchaus, aber wir wollen es natürlich auch von den expliziten Bedürfnissen jener, die sich für unsere Art von Religion interessieren, abhängig machen, was davon wir verwirklichen werden.


Über Hermann Geyer

Hermann Geyer, Jahrgang 1951 und fünffacher Vater, nützt seine technische Ausbildung jetzt nur mehr privat in und um Haus und Garten - wodurch er weltanschaulich motivierten Aktivitäten mehr Zeit widmen kann.


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