Meine ersten Gehversuche im Dialog mit dem Islam (Teil 1) 1


Vor vielen Jahren, im Jahr 2004, führte ich zum ersten mal einen Dialog mit dem Islam, besser gesagt mit Muslimen. Zu dieser Zeit sah ich mich selbst noch nicht als Atheisten, eher als kritischen Katholiken (der ich zumindest laut Taufschein war) mit tendentiell agnostischer Grundhaltung. Die Terroranschläge vom 11. September lagen schon zwei Jahre zurück, der Irakkrieg ein Jahr. In der öffentlichen Meinung lag die Einstellung vor, dass ein Dialog mit dem Islam wichtig sei, um die gemäßigten Muslimen gegenüber Extremisten zu stärken. Ich selbst schloss mich dieser Meinung an. Doch ich wollte mich mit Lippenbekenntnissen zum Dialog nicht zufrieden geben. Ich wollte selbst aktiv werden, den Dialog mit Muslimen suchen. Wer soll es denn sonst machen, wenn nicht jede/r einzelne, die/der dazu bereit ist? Meine Erfahrungen aus dieser Zeit möchte ich hier nun teilen.

Ich muss zu diesem folgenden Bericht anmerken, dass ich über die meisten Details nur aus meinem Gedächtnis berichten kann, da ich keine schriftlichen Aufzeichnungen gemacht habe, und die entsprechenden Quellen großteils nicht mehr online sind.

Ich suchte also den Dialog mit Muslimen. Leider hatte ich keine Muslime in meinem Bekanntenkreis. Das war aber kein Problem, schließlich war das Internet zu dieser Zeit schon weit verbreitet, welches ich als geeignetes Medium erachtete. Entsprechende Kontakte, diverse Onlineforen von Muslimen, sowie die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ) waren schnell ergoogelt. Doch worüber spricht man eigentlich in so einen interreligiösen Dialog? Wie steigt man in so einen Dialog ein?

Meine erste Frage

Die Kaaba in Mekka

Die Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam, in Mekka (Saudi-Arabien)

Ich hatte schon immer eine Schwäche dafür, Dinge grundlegend zu hinterfragen und zu analysieren. So kam ich auf folgenden Gedanken: Muslime beten ja bekanntlich in Richtung Mekka. Diese Richtung ist in Moscheen durch die Gebetsnische markiert. Nun müsste es aber aufgrund der (näherungsweisen) Kugelform der Erde genauso zulässig sein, anstelle in Richtung Mekka genau in die entgegengesetzte Richtung zu beten. Die Gebete müssten dann genauso in Mekka ankommen, sie brauchen nur etwas länger. Ist das der Fall? Was denken die Muslime darüber? Ich betrachtete dieses Gedankenspiel als würdigen, ungezwungenen Einstieg in den interreligiösen Dialog.

Als erstes wandte ich mich gleich an die „offizielle Stelle“, sprich an die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. Ich schrieb an sie ein E-Mail, in dem ich diesen Gedanken darlegte und um eine Meinung von Muslimen dazu bat. Antwort bekam ich leider bis heute keine.

Intermezzo im ersten Forum

Von diesem ernüchternden ersten Ergebnis ließ ich mich nicht unterkriegen. Ich wusste schon damals: Die IGGIÖ ist nicht gleichzusetzen mit allen Muslimen, so wie die Katholische Kirche nich gleichzusetzen mit allen Katholiken ist. Ich versuchte als nächstes mein Glück in diversen Online-Foren, in denen Muslime untereinander diskutierten. Viele dieser Foren hatten eine Rubrik für den Dialog mit Nichtmuslimen. Ich war mir sicher, ins solchen Foren war ich an der richtigen Adresse.

Beim erste Forum, welches ich auserkoren hatte, erwies sich schon die Registrierung als etwas zäh. Die Betreiber des Forums wollten schon im Vorfeld einiges über die religiöse Einstellung ihrer Mitglieder wissen und hatten beim Registrierungsformular einen Fragebogen vorbereitet. Eine Frage lautete sinngemäß, ob ich glaube, dass Jesus ein Prophet war und nicht der leibliche Sohn Gottes. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich zwar als getaufter Katholik eigentlich Zweiteres glauben sollte, mir Ersteres aber plausibel erscheint. Eine weitere Frage war, wie ich generell über Sekten denke. Meine ehrliche Antwort war, dass ich Sekten generell sehr skeptisch gegenüber stehe. In der Unterfrage dieser Frage wurden mehrere Sekten mit arabischer Bezeichnung erwähnt, und ich nach meiner Meinung zu diesen befragt. Hier konnte ich nur ehrlich antworten, dass ich von diesen Gruppen noch nie etwas gehört hatte. Zugegeben, mir wurde schon etwas mulmig angesichts dieser detailierten Befragung. Heute würde ich sagen, dass bei diesem Forum wohl Kontrollfreaks am Werk waren. Jedenfalls wurde ich anhand meiner Antworten als tauglich für das Forum befunden und freigeschalten. Somit konnte ich meine Frage zum Gebet in die andere Richtung stellen.

Die Antwort die ich bekam, war sehr aussagekräftig: Ich wurde ohne Vorwarnung zusammen mit meiner Frage wieder aus dem Forum gelöscht. Ein neuer Registrierungsversuch schlug fehl, da meine E-Mail Adresse schon gesperrt war. Eine Nachfrage per E-Mail, ob ich wirklich gelöscht wurde, und ob das beabsichtigt war, blieb ebenfalls unbeantwortet. War das wieder ein Fehlschlag, schon der Zweite nach erst zwei Versuchen? Ich kam zum Schluss, dass die Muslime in diesem Forum doch nicht so moderat waren und wohl nicht über alles reden konnten und wollten.

Es geht doch

Zum Glück fand ich ein zweites Forum, in dem die Mitglieder deutlich aufgeschlossener waren. Es gab keine peinlichen Fragen bei der Registrierung, und die Stimmung in diesem Forum war deutlich unverkrampfter. Auch hier brachte ich meine Frage ein, ob es zulässig sei, in die andere Richtung, entgegengesetzt zu Mekka, zu beten. Generell dürfte ich die Muslime in diesem Forum mit der Frage etwas verwirrt haben, viele schienen nicht zu recht zu wissen, was sie davon halten sollten. Jedenfalls bekam ich hier endlich Antworten. Die erste Antwort war, durchaus korrekt, dass man beim Flug von Europa in die USA auch die Route über den Atlantik, nicht über Asien nimmt. Ich wandte ein, dass sich Gebete ja deutlich schneller bewegen dürften, so dass die Geschwindigkeit nicht ins Gewicht fällt.

Darauf bekam ich eine sehr aufschlussreiche Antwort: Man muss unterscheiden zwischen „Salāt“, dem rituellen Gebet in Richtung Mekka, und „Duʿā'“, dem individuellen Bitt- oder Dankgebet. Bei Ersterem geht es nicht darum, mit Gott zu sprechen, sondern um die Erfüllung einer Pflicht, die Allah uns auferlegt hat. Da es in den Schriften genau geregelt ist, wie dieses Gebet zu verrichten sei, muss man es nach diesen Regeln ausführen. Was ich als Christ als Gebet betrachte, sei die sogenannte Duʿā‘, das Bittgebet, bei dem man seine Wünsche und Anliegen Allah mitteilt. Diese Antwort leuchtete mir ein, auch wenn sie mir nicht sonderlich gefiel. Dieses rituelle Gebet hatte etwas zwanghaftes an sich, was mir nicht behagte. Aber gut, es macht nun einmal auch einen Dialog aus, dass vor allem die Unterschiede zu Tage kommen. Ich fragte noch, ob es nicht dennoch den Regeln Allahs entspreche, wenn man in die andere Richtung betet, weil die Erde ja rund sei. Ich führte noch das Argument an, dass Allah ja sicherlich einen gewissen Sinn für Humor hätte und somit darüber sicher nicht erzürnt wäre. Die Antwort darauf  war, dass Dinge wie „Humor“ menschliche Eigenschaften sind, die man Allah nicht zuschreiben kann. Rückblickend kam mir diese Aussage unlogisch vor, wurden doch Allah an anderer Stelle in diesem Forum ständig Eigenschaften wie Güte und Barmherzigkeit zugesprochen, die ich auch als menschlich betrachten würde. Doch auf diese Diskussion ließ ich mich, wohl auch aus Zeitgründen, nicht mehr ein, ich betrachtete dieses Thema als abgeschlossen.

Doch der Dialog  mit den Muslimen war damit noch lange nicht beendet. Es folgten noch weitere interessante Diskussionen, über die ich nächste Woche im zweiten Teil berichten werde.

Anmerkung

Wie gesagt kann ich leider nicht direkt auf die erwähnten Diskussionen verweisen, da die Foren heute nicht mehr online sind. Als einzigen Nachweis, dass diese Geschichte nicht komplett erfunden ist, kann ich auf meinen Beitrag in einem (nichtmuslimischen) philosophischen Forum verweisen, in dem ich meine oben erwähnte Einstiegsfrage mit anderen teilte: http://www.denkforum.at/threads/islamisches-gebet-in-die-andere-richtung.1557/. Zu dieser Zeit war „Holzwurm“ mein meistens gewählter Benutzername im Internet.

Bildquelle: „The Sacred Precinct“ von deendotsg, Lizenz: CC-BY 2.0


Über Martin Perz

Als Techniker vom Studium und Beruf her kümmert sich Martin Perz um den Online-Auftritt der Atheistischen Religionsgesellschaft. Als Webmaster ist er gewissermaßen der Hüter der (digitalen) Schlüssel dieser (virtuellen) Hallen hier. Gerne schreibt er aber auch als unabhängiger Denker zu weltanschaulichen Themen, Religion und Philosophie.


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