Meine ersten Gehversuche im Dialog mit dem Islam (Teil 2)


Vergangene Woche berichtete ich hier in Teil 1 über meine ersten Versuche, einen interreligiösen Dialog mit Vertretern des Islam zu führen, welche ich 2004 in diversen Foren im Internet unternahm. In einem Forum stieß ich auf engagierte Diskussionspartner. Das erste Dialogthema, das von meiner Seite kam war ja folgende Idee: Aufgrund der (näherungsweisen) Kugelform der Erde müsste es doch für einen Muslim erlaubt sein, nicht in Richtung Mekka zu beten, sondern genau in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Thema wurde intensiv diskutiert, wobei es erwartungsgemäß nicht auf vollständige Zustimmung stieß. Ich wollte aber nicht allzu lange mit dieser Fragestellung aufhalten. Dieser durchaus fruchtbare Diskurs motivierte mich, weitere Fragen an die Muslime im Forum zur Diskussion zu stellen. Darüber möchte ich nun hier im zweiten und letzten Teil dieser Serie berichten.

Das „goldene Zeitalter“

Sokrates (Soqrāt) in Diskussion mit seinen Schülern; Darstellung aus einem arabischen Manuskript aus dem 13. Jahrhundert n.Chr.

Sokrates (Soqrāt) in Diskussion mit seinen Schülern (Darstellung aus einem arabischen Manuskript aus dem 13. Jahrhundert n. Chr.)

Ich hatte mich im Vorfeld schon ein wenig über eine Epoche informiert, die oft als das „Goldene Zeitalter des Islam“ bezeichnet wird: Ein Zeitraum von von Mitte des Achten bis Mitte des 13. Jahrhunderts n. Chr., in dem in der arabischen Welt Philosophie und Wissenschaft florierten, während Europa nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches kulturell brach lag. Mich interessierte folgende Frage: Gab es zu dieser Zeit im arabischen Raum Denker, die schon das heliozentrische Weltbild vertraten? Gut, mit intensiver Recherche hätte ich die Antwort auf diese Frage vielleicht auch selbst herausgefunden. Mir ging es aber nicht nur um diese Frage, ich wollte generell mit Muslimen über dieses interessante Thema, diese bedeutende historische Epoche sprechen. Ich hatte nämlich schon den Eindruck gewonnen, dass der Islam deswegen so rückschrittlich erscheint, weil dieses „goldene Zeitalter“ zu Ende ging und unter den heute lebenden Muslimen allzu stark in Vergessenheit geraten ist.

Das Thema wurde durchaus positiv aufgenommen. Meine konkrete Frage konnte nicht beantwortet werden, aber das „Goldene Zeitalter“ wurde auch von den Mitdiskutanten als bedeutsam angesehen. Ein Mitdiskutant stellte sogar die Frage in den Raum, was denn aus den muslimischen Gesellschaften geworden sei, wieso es ihnen heute nicht mehr gelingt, an diese Blütezeit anzuknüpfen. Ich hatte schon einen Verdacht, was der Grund dafür sein könnte: Vielleicht liegt das daran, dass sich die Muslime viel zu stark auf ein einzelnes Buch konzentrieren, in dem sie glauben, alles wichtige über die Welt zu finden, und nicht über diesen Tellerrand hinaus blicken. Doch ich wagte es nicht, diesen Verdacht im Forum zu äußern.

Die süßesten Früchte essen nur die Attentäter?

Huris, auf Kamelen reitend

Huris, auf Kamelen reitend (persische Darstellung aus dem 15. Jahrhundert n. Chr.)

Stattdessen gab es noch ein anderes Thema, das mich brennnend interessierte: Ein deutscher Forscher, der unter dem Pseudonym „Christoph Luxenberg“ auftritt, hatte eine Studie mit dem Titel „Die syro-aramäische Lesart des Korans. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache“ veröffentlicht. Eine Studie mit auf den ersten Blick trockenem Titel, der es aber in sich hatte. Darin wurde unter Anderem die These aufgestellt, dass die Annahme, im Paradies würden Jungfrauen (sogenannte „Huris“) auf die Märtyrer warten, auf einem Übersetzungsfehler beruhe. In Wirklichkeit handle es sich bei den Huris um Weintrauben. Natürlich wurden in dieser Publikation noch viele andere Thesen aufgestellt, aber diese war (nicht ganz unverständlich) jene, die von den Medien und auch von Comedians am häufigsten genannt wurde.

Jedenfalls wollte ich von meinen muslimischen Diskussionspartnern wissen, was sie über diese Thesen von Christoph Luxenberg denken. Mit dieser Frage erntete ich etwas Argwohn. Ich glaube mich zu erinnern, dass in einem Kommentar der Autor der Publikation, dieser „Christoph Luxenberg“, diskreditiert und als „Phobiker“ bezeichnet wurde, weil er nur unter einem Pseudonym veröffentlichte. Die Diskussion war aber noch nicht zu Ende. Ich äußerte zunächst vorsichtig Bedenken gegenüber der (offenbar auch von den Muslimen im Forum vertretenden) Vorstellung von Jungfrauen im Paradies, die mir doch etwas platt vorkam. Ein Diskussionspartner versuchte es mir zu erklären: Die Huris seien vor allem eine Belohnung für fromme Muslime, die im Diesseits keine Ehefrau gefunden hätten, damit sie wenigstens im Paradies … na ja, Sie wissen schon.

Irgendwie war ich dann doch einigermaßen schockiert, wie unkritisch die Sache mit den Huris von den Muslimen im Forum offenbar gesehen wurde. Schließlich wurden mit diesen paradiesischen Verheißungen ja schon einige Terroristen zu ihren Selbstmordattentaten motiviert. Und zugegeben, die Vorstellung, dass Terroristen nach dem vollbrachten Selbstmordattentat Jungfrauen erwarten, und stattdessen einen Obstkorb bekommen, hat auch etwas unfreiwillig Komisches an sich. Jedenfalls konnte ich es mir nicht mehr verkneifen, diese Problematik der Selbstmordattentäter und meine Bedenken darüber direkt in dieser Diskussion anzusprechen.

Damit hatte ich wohl wirklich einen wunden Punkt getroffen. Es gab von Seiten der Muslime im Forum überhaupt keine Bereitschaft, über dieses Thema zu reden. Die Meisten reagierten verärgert darüber, dass ich dieses heikle Thema überhaupt ansprach. Einige legten mir nahe, dass ich nicht so unkritisch jeden Bericht aus den Medien glauben sollte, da diese sowieso ein falsches Bild über den Islam transportieren würden (Anm.: Ich erinnere mich, dass zu dieser Zeit von muslimischer Seite sehr häufig die Medien im Allgemeinen kritisiert wurden, die den Islam nur in den Schmutz ziehen würden. Ich sehe in dieser Argumentationslinie durchaus Parallelen zur heutigen Pegida-Bewegung mit ihrem Vorwurf der „Lügenpresse“). Ein weiterer Muslim, der selbst erst kürzlich konvertiert war, versuchte zu besänftigen und legte den Mitdiskutanten nahe, nachsichtig mit mir zu sein, da ich noch kaum eine Erfahrung über den Islam habe. Dieser Einwand zeigte auch Wirkung, der Ton in der Diskussion blieb weiterhin durchaus höflich. Doch ich merkte, dass ich mit dem Terrorismus ein absolutes Tabuthema angesprochen hatte, über das offensichtlich keine sinnvolle, sachliche Diskussion möglich war.

Fazit

Nach dieser aufwühlenden Diskussion über Huris und Selbstmordattentäter stellte ich keine weiteren Fragen mehr. Ich las noch ein wenig in anderen Diskussionen in diesem Forum, hielt mich jedoch passiv. Meine Motivation, den Dialog weiter zu intensivieren, war aber etwas verflogen. Noch dazu fehlte mir die Zeit, schließlich ging ich noch zur Schule und die Sommerferien gingen zu Ende.

Damit endeten meine ersten Versuche des Dialogs mit dem Islam. Ich bereue es nicht, diesen Versuch eines Dialogs versucht zu haben. Ich glaube, ich habe das Meiste richtig gemacht: Es war im großen und ganzen ein ehrlicher Diskurs, in dem jede Seite offen ihre Standpunkte vertrat. Was mich aber bis heute stört ist der offensichtliche Unwille von Seiten vieler Muslime, offen über das Problem des islamisch motivierten Terrorismus zu sprechen. Dafür kritisiert zu werden, dass man dieses Thema nur anspricht, ist eine Haltung, die nicht gerade vertrauensbildend und für einen Diskurs förderlich ist. Langfristig werden Muslime um eine (selbst-)kritische Aufarbeitung dieses Themas nicht herumkommen.

Letztendlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass in so einem interreligiösen Dialog sehr schnell Unterschiede deutlich werden, und man sich in Folge dessen seiner eigenen Einstellungen stärker bewusst wird. Persönlich hat mich diese intensive Beschäftigung mit dem Islam jedenfalls sehr geprägt. Ich würde sogar sagen, dass diese zum Teil auch dafür verantwortlich ist, dass ich mich Jahre später dem Atheismus zuwandte (aber das ist eine andere Geschichte).

Zwei Dinge bereue ich: Zum Einen, dass ich selbst keine schriftlichen Aufzeichnungen von diesem Dialog gemacht habe, weshalb ich hier nur aus meinen Erinnerungen berichten kann. Zum Anderen, dass ich die Diskussion über das „goldene Zeitalter“ des Islam nicht weiter verfolgte. Ich halte das nämlich für ein sehr interessantes und ergiebiges Thema für einen konstruktiven Dialog.

Gerade deswegen bin ich sehr daran interessiert, den Dialog mit dem Islam wieder aufzunehmen, ihn neu zu beleben. Zu diesem Zwecke möchte ich an dieser Stelle der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich versichern, dass ich mich nach wie vor über eine Antwort auf meine E-Mail von 2004, in der ich eingangs erwähnte Frage zu den Gebetsrichtungen stellte, freuen würde. Falls diese E-Mail noch auffindbar ist, findet sich dort noch der genaue Text meiner damaligen Anfrage, die mir ja verlorengegangen ist. Meine E-Mail-Adresse von damals existiert allerdings ebenfalls nicht mehr. Ich muss daher ersuchen, eine allfällige Antwort an martin.perz@atheistisch.at zu schicken.

Bildquellen:


Über Martin Perz

Als Techniker vom Studium und Beruf her kümmert sich Martin Perz um den Online-Auftritt der Atheistischen Religionsgesellschaft. Als Webmaster ist er gewissermaßen der Hüter der (digitalen) Schlüssel dieser (virtuellen) Hallen hier. Gerne schreibt er aber auch als unabhängiger Denker zu weltanschaulichen Themen, Religion und Philosophie.

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