(Inter-/Religiöser) Dialog (2) 1


Vor Kurzem habe ich in einem ersten Teil ein paar Überlegungen zum (inter-/religiösen) Dialog begonnen, die ich hier nun ein wenig weiterführen möchte.

Wie wollen wir einen Dialog führen?

Wir wollen einen Dialog konstruktiv und im gegenseitigen Bestreben, auf einander einzugehen, führen. Dieses Wollen ist vom Wunsch begleitet, andere Ansichten (und „Irrtümer“) der Dialogpartnerinnen und Dialogpartner aushalten und positiv fruchtbar machen und „blinde Flecken“ auch bei uns selbst erkennen und verändern zu können. (Inter-/Religiöser) Dialog ist immer auch das, was wir jeweils daraus machen, so wie ja auch Religion immer auch das ist, was wir als Akteurinnen und Akteure jeweils daraus machen.

Ich finde einen Dialog, den jede direkt beteiligte Seite so einschätzt, dass er jeweils ihr selbst und den anderen „wirklich etwas bringt“ und dass sich durch diesen Dialog tatsächlich etwas „zum Besseren hin“ verändern kann, geradezu genial und wirklich erstrebenswert. So ein Dialog ist leider nicht selbstverständlich. In einem solchen Dialog liegt wohl genau genommen und realistisch betrachtet eine sehr, sehr große Herausforderung.

Die Ressourcen (z.B. Zeit), die für Dialog zur Verfügung stehen, sind vermutlich nicht immer (und nicht bei allen) im gleichen Ausmaß vorhanden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ein Dialog durchaus auch „ins Stocken geraten“ und phasenweise geradezu „einschlafen“ kann. Dort, wo Dialog allerdings gar nicht gesucht oder sogar verweigert wird, besteht die nicht geringe Gefahr des bloßen „Badens im eigenen Saft“ als erbärmliches Gegenstück zum Dialog.

Für Dialog gibt es natürlich auch Voraussetzungen. Dialog ist nicht immer einfach und leider auch nicht immer möglich. Die gegenseitige Bereitschaft, die Dialogpartnerinnen und Dialogpartner ganz grundlegend und vorbehaltlos in ihrem Recht auf Leben und auf physische und psychische Unversehrtheit (und darüber hinaus auch in ihrem Recht auf Religionsfreiheit) zu akzeptieren, ist sicherlich eine notwendige Voraussetzung für (inter-/religiösen) Dialog. Ebenso die Bereitschaft, die „Andersheit“ der Anderen auszuhalten und gleichzeitig nach verbindenden Gemeinsamkeiten, die etwas Positives ermöglichen, zu suchen.

In einem Dialog könnten zwei Fragenkomplexe eine ganz besondere Rolle spielen. Einerseits der Fragenkomplex, welches Positive wir erreichen wollen und wie wir es – ausgehend vom gegenwärtigen Zustand – (gemeinsam) erreichen wollen/können. Und andererseits der Fragenkomplex, welches Negative wir abschaffen wollen und wie wir es – ausgehend vom gegenwärtigen Zustand – (gemeinsam) abschaffen wollen/können. Wir könnten uns auch gemeinsam z.B. dafür interessieren, wie Menschen „mit Religion“ und Menschen „ohne Religion“ gut miteinander leben können und welche Grundsätze dabei zur Anwendung gelangen sollen.

Ich fände es sehr gut, wenn es allen Dialogpartnerinnen und Dialogpartnern gelänge, herauszufinden, welche Probleme und Chancen es derzeit „gibt“ (das hängt vielleicht auch vom jeweiligen Diskurs ab), und ein realistisches und empathisches Bild davon zu gewinnen, wo und wie die jeweils anderen Probleme und Chancen sehen. Ich fände es auch sehr gut, wenn es allen Seiten gelänge, diejenigen, die vielleicht gerade Kritik einstecken mussten, charmant und gewinnend dazu zu bewegen, sich vom kritisierten Übel zu verabschieden und in Zukunft das Bessere zu tun. (Das fällt vermutlich umso leichter, je „schmackhafter und leichter“ es alle einander machen.) Und ich fände es auch sehr gut, wenn alle Seiten einander als konstruktiv erleben und erkennen könnten. Das bedeutet nicht, sich selbst auferlegen zu müssen, andere nicht zu kritisieren. Sehr wohl aber könnte es bedeuten, immer auch den Gesamteindruck, den andere vom Dialog gewinnen, im Blick zu behalten. Und natürlich sollten auch wir selber im Dialog immer offen sein für einen (selbst-) kritischen Blick in den Spiegel, den uns unsere Dialogpartnerinnen und Dialogpartner bewusst oder unbewusst vorhalten und der uns ein für uns wertvolles (Spiegel-) Bild von uns zeigen kann.

Dialog kann uns so gesehen günstigenfalls auch dabei helfen, uns selber gut weiterzuentwickeln. Etwa indem er es erleichtern kann, etwas auch „anders“ zu sehen und dadurch vielleicht etwas Interessantes/Neues zu entdecken, etwas aus unterschiedlichen Perspektiven und damit umfassender zu betrachten und „andere“ Perspektiven besser zu verstehen. Dabei erscheint es mir wünschenswert, neben den Knackpunkten, an denen Unterschiede ansetzen, auch tragfähige Anknüpfungspunkte für (z.B. gemeinsame) positive Entwicklungen zu identifizieren und einen Weg zu finden, konstruktiv mit dem jeweiligen Stand der Dinge umzugehen.

(Inter-/Religiöser) Dialog ist in meiner Perspektive immer auch ein kultureller Dialog. Es geht darin (aus meiner Sicht) immer auch um eine kulturelle Interaktion. Vielleicht gelingt es uns ja allen gemeinsam, mehr Kritikfähigkeit, mehr Realismus und Empathie (z.B. bei der Einschätzung anderer und andersdenkender Menschen) und, ja: auch stärkere Visionen für ein menschenfreundliches, gutes Zusammenleben – für alle – zu entwickeln. Ich wünsche mir eine weltoffene Religionsgesellschaft, die nachhaltig Positives zu einem friedlichen Zusammenleben und zu einer weitblickenden Bereicherung der Welt beiträgt. Auch in dieser Hinsicht halte ich die Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich (ARG) für ein sehr spannendes kulturelles Projekt.


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