Relativ – Absolut, Subjektiv – Objektiv: Ein Orientierungsversuch im Begriffsdschungel


Nikolaus Bösch und Andreas Müller haben auf dieser Seite dankenswerterweise einen interessanten philosophischen Diskurs in mehreren Beiträgen geliefert, in dem es grundsätzlich um die Frage geht, ob es absolute Wahrheiten gibt, oder ob alle Wahrheit relativ ist. Wir hoffen, dass Diskurse wie dieser für alle interessierten Leser „geistige Nahrung“ liefern und zum weiteren Nachdenken anregen. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass in so einem (in diesem Fall durchaus hitzigen) weltanschaulichen Meinungsaustausch bei den vielen Begriffen und Deutungen der Überblick verloren geht, worum es denn eigentlich geht. Ich unternehme mit diesem Beitrag den Versuch, mich noch einmal aus meiner eigenen Perspektive an dieses Thema heranzutasten. Gleich vorweg möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier nicht mehr auf einzelne Aussagen meiner Vorredner eingehen werde, sondern versuche, eine alternatives Konzept herauszuarbeiten, bei welchem ich durchaus Überschneidungen zu beiden Positionen sehe.

Zunächst einmal sei auf die bisherigen Beitrage dieses Diskurses verwiesen:

Grundsätzlich habe ich bemerkt, dass sich in der ganzen Debatte um die Begriffe „absolut“ und „relativ“ sowie „objektiv“ und „subjektiv“ dreht. Dabei kommt mir vor, dass diese Begriffe oft etwas mißverständlich verwendet werden. In meiner folgenden Argumentation gehe ich davon aus, dass diese beiden Begriffspaare getrennt voneinander zu betrachten sind. Das Begriffspaar „absolut“ und „relativ“ verwende ich für die Beschreibung, wie die Welt beschaffen ist, während ich mit dem Begriffspaar „subjektiv“ und „objektiv“ beschreibe, wie wir Menschen die Welt wahrnehmen, über sie denken urteilen. Letzteres schließt auch ein, wie wir als Menschen andere Menschen wahrnehmen und sozial interagieren, wobei hier natürlich andere Ansätze und Methoden anzuwenden sind als bei der „nichtmenschlichen“ Welt.

Relativ absolut oder absolut relativ?

Zunächst möchte ich einen Blick auf das Begriffspaar „absolut“ und „relativ“ richten. Auf den ersten Blick scheinen diese Begriffe Gegensätze zu beschreiben. Bei genauerer Betrachtung bedingen sie einander aber in gewisser Weise.

Der Begriff „relativ“ ist einfach zu definieren: Wenn etwas relativ ist, steht es in Relation zu etwas anderem. Dieses Andere kann wiederum in Relation zu etwas Drittem stehen und so weiter. Naturwissenschaftliche Erkenntnis beruht im Prinzip auf dem Erkennen und Verstehen von solchen komplexen Systemen mit Verkettungen von Relationen.

Beim Begriff „absolut“ wird es schon komplizierter. Etwas Absolutes ist etwas unverrückbares, etwas, was als Bezugspunkt für etwas anderes dienen kann. Allerdings ist etwas Absolutes meist wieder relativ zu etwas anderem. Macht es da Sinn, den Begriff des Absoluten gleich zu verwerfen, und sich darauf zu besinnen, dass alles relativ ist?

Das wäre in meinen Augen etwas voreilig. Denn im Satz „Alles ist relativ“ fehlt eine wesentliche Information: Relativ im Bezug auf was? „Relativ“ macht nur mit Bezugspunkten Sinn, und diese Bezugspunkte sind in irgendeiner Weise als absolut zu betrachten.

Das wiederum klingt nach Willkür. Wie soll man definieren, was nun „absolut“ ist? Dieses Problem löst sich eigentlich erst dann auf, wenn wir das Begriffspaar „absolut“ und „relativ“ duch einen dritten Begriff ergänzen: den „Kontext“. Die Bedeutung der Begriffe „Absolut“ und „Relativ“ macht eigentlich immer nur in einem konkreten Zusammenhang, einem Kontext, Sinn, wo man relative Dinge auf Absolute bezieht. Wenn man den Kontext verändert, zum Beispiel erweitert, verschieben sich die Definitionen, manches Absolute wird plötzlich relativ und neue Komponenten kommen hinzu.¹

Anhand dieser Nomenklatur würde ich den Begriff der Realität definieren: Die Realität ist der größtmögliche Kontext, den man beim Versuch, alles Erkennbare zu erkennen, betrachten könnte. Ich bleibe hier einmal beim Konjunktiv „könnte“, denn man kann in der Praxis immer nur Teilaspekte der Realität betrachten. Dass es die Realität in dieser Form gibt ist eigentlich schon eine metaphysische Annahme. Sie macht aber meiner Meinung nach Sinn, wenn man davon ausgeht, dass die Welt nach Gesetzmäßigkeiten funktioniert.

Die theistischen Weltanschauungen, vor allem die Monotheistischen, würden an dieser Stelle noch weiter gehen und einen Gott als „noch höheres Absolutes“ über die Realität stellen. Als Atheist halte ich diesen Schritt für überflüssig. Dass dieser Schritt problematisch ist, weil das mit Gott und Absolut nicht so recht zusammenpasst, haben Nikolaus Bösch und Andreas Müller beide auf ihre Weise in ihren Texten dargelegt.

Die Kunst der objektiven Betrachtung von der eigenen subjektiven Sichtweise aus

Nun möchte ich das Begriffspaar „Subjektiv“ und „Objektiv“ behandeln. Der einzelne Mensch nimmt die Welt zunächst subjektiv wahr, mit seinen Sinneseindrücken und so weiter. Er hat Vorstellungen über die Welt, die zunächst einmal völlig subjektiv sind. Er ist aber dazu fähig, eine objektive Sichtweise einzunehmen. Das liegt an der Natur seines Bewusstseins: Er ist sich seiner Existenz bewusst. Darauf aufbauend kann er sich eine Welt vorstellen, die ohne ihn existiert. Er kann sich vorstellen, wie es war, als er noch nicht existierte, was einmal sein wird, wenn er nicht mehr existiert, oder was jetzt in diesem Augenblick passiert wäre, wenn er gerade nicht in diesem Raum gewesen wäre, und ähnliches. Diese Fähigkeit des Menschen zu einer abstrakten Vorstellung der Welt ohne ihn ist in meinen Augen die Grundvoraussetzung zum objektiven Denken.

Zu meinen Ausführungen ist anzumerken, dass der Mensch natürlich nie ganz „sauber“ objektiv denkt, sondern immer irgendwie auch sein subjektives Empfinden dabei ist, aber die prinzipielle Fähigkeit zur objektiven Betrachtung ist vorhanden.

Wie eine objektive Ethik aus meiner Sicht funktionieren könnte

Der einzelne Mensch hat Wertvorstellungen. Diese kann man noch als völlig subjektiv einschätzen. Doch wie schon oben erwähnt, ist er in der Lage, seine Wertvorstellungen objektiv zu betrachten. Er kann nach Ursachen suchen, wieso er so denkt und nicht anders. Er kann seine Sichtweise auf andere Menschen übertragen: „Denken andere auch so wie ich? Wie denken andere darüber?“. Aus meiner Sicht ist der Versuch, sich in andere hinein zu versetzen, bereits eine objektive Sichtweise. Letztendlich koppelt diese objektive Sichtweise auf die Wertvorstellungen anderer wieder zurück auf die Eigenen, man entwickelt seine eigenen Wertvorstellungen auf Basis von jenen Anderer weiter.

Aufbauend auf diesen Wertvorstellungen bildet jeder Mensch Werturteile, fällt Entscheidungen darüber, was richtig und falsch ist, und handelt und agiert danach. Auch diese Werturteile und Handlungen sollten im Idealfall objektivierbar sein: „Ich komme zu diesem Urteil, weil ich glaube, dass …“. Weiters kann man die Werturteile Anderer objektiv beurteilen: „Diese Person findet Handlung XY unmoralisch, weil sie davon ausgeht, dass …“. Man kann die Werturteile anderer mit den eigenen vergleichen, Unterschiede und Überschneidungen finden. Man kann sehen, ob und wie andere Menschen trotz unterschiedlicher Wertvorstellungen zu den selben Werturteilen kommen (oder auch nicht). Das koppelt wieder auf die eigenen Wertvorstellungen zurück.

Neben diesem „Antrieb von Innen“, den eigenen Wertvorstellungen, die bestimmte Handlungen, Entscheidungen und Werturteile bedingen, gibt es natürlich auch den Einfluss von außen: Handlungen, Wertvorstellungen und -Urteile ziehen Konsequenzen nach sich (positive wie negative). Konsequenzen kann man im Extremfall subjektiv selbst spüren. In vielen Fällen kann man Konsequenzen jedoch auch objektiv beurteilen, oft auch rein hypotethisch: „Wenn diese Handlung gesetzt wird, wird … passieren“ oder „Wenn man davon ausgeht, dass …, bedeutet das, dass …“. Ich würde sagen, dass diese beiden Einflussfaktoren „von innen“ und „von außen“, also menschliche Wertvorstellungen sowie Konsequenzen eine objektive Ethik bedingen, und zwar unter der Bedingung, dass beide Einflussfaktoren objektiv, oder zumindest „so objektiv wie möglich“ betrachtet, analysiert und (weiter-)entwickelt werden.

Ist so eine Ethik nicht in Wahrheit noch subjektiv? Hier lag aus meiner Sicht ein Auffassungsunterschied dieses Begriffs zwischen Nikolaus Bösch und Andreas Müller vor. Wenn man davon ausgeht, dass es einen Gott gäbe, der die Welt und die Menschen erschaffen hat, und genau weiß, wie sich die Menschen für ein gutes Leben verhalten sollen, dann müsste man natürlich dessen Ethik als objektiven Maßstab ansehen. So funktioniert unsere Welt aber offenbar nicht. In der Praxis entwickeln Menschen ihre Ethik selbst. Wenn sie hierbei nach den oben beschriebenen Prinzipien vorgehen, wäre das Attribut „objektiv“ meiner Meinung nach nicht so verkehrt. Worum es geht ist, dass jeder Mensch seine Ethik auf möglichst objektive Grundlagen stellen sollte. Fehlbar sind wir natürlich alle.

Welche Ethik ist dann „die richtige“? Ich würde sagen: Grundsätzlich deine Eigene, aber nur dann, wenn du sie objektiv gut begründen kannst, dir vorstellen kannst, dass sie auch für andere Menschen maßgeblich sein kann, und du auch bereit bist, sie anzupassen, wenn die Mängel bewusst werden.

Kann man dieser Form einer objektiven Ethik auch das Attribut „absolut“ zuschreiben? Ich mir nicht ganz sicher. Ich würde argumentieren, dass sich eine solche Ethik an einen Idealzustand annähern könnte, welcher als Absolutum betrachtet werden kann.

Schlussfolgerungen

Ich hoffe, ich konnte hier eine nachvollziehbare Einordnung der Begriffe „absolut“, „relativ“, „objektiv“ und „subjektiv“ liefern. Weiters hoffe ich, dass ich als „philosophischer Laie“ meine Überlegungen zu einer objektiven Ethik verständlich darlegen konnte und dass diese nicht ganz abwegig sind. Für Anregungen und Kritik bin ich natürlich gerne offen, zum Beispiel im Kommentarbereich unten.

Auf die Inhalte meiner Vorredner Nikolaus Bösch und Andreas Müller bin ich hier ganz bewusst nur spärlich eingegangen. Mir ging es darum, einen weiteren Blickwinkel auf diese Thematik zu liefern.

Fußnote

¹ Zum besseren Verständnis dieser äußerst abstrakten Formulierung möchte ich hier ein anschauliches Beispiel liefern: Anders Celsius definierte die heute noch verwendete Celsius-Temperaturskala so, dass 100°C dem Gefrierpunkt von Wasser entspricht und 0°C dem Siedepunkt (Ja, er definierte das tatsächlich „verkehrt herum“, später wurde die Skala „umgedreht“, Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Grad_Celsius#Geschichte). Hier ist die Temperatur die relative Größe und die zwei charakteristischen Temperaturen des Wassers sind die in diesem Kontext als Absolut angenommenen Bezugspunkte. Bei genauerer Betrachung fällt jedoch auf, dass Gefrier- und Siedepunkt nicht Absolut sind. Sie liegen bei anderen Temperaturen, wenn der Luftdruck niedriger ist oder im Wasser Salz gelöst ist. Diese Relationen wurden genauer untersucht, neue Bezugspunkte gefunden. Inzwischen ist man so weit, dass man für die Temperatur einen absoluten Nullpunkt und einen absoluten Referenzpunkt definieren kann.


Über Martin Perz

Als Techniker vom Studium und Beruf her kümmert sich Martin Perz um den Online-Auftritt der Atheistischen Religionsgesellschaft. Als Webmaster ist er gewissermaßen der Hüter der (digitalen) Schlüssel dieser (virtuellen) Hallen hier. Gerne schreibt er aber auch als unabhängiger Denker zu weltanschaulichen Themen, Religion und Philosophie.

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