Ein Ozean an Weihnachten


Ein Beitrag zur Weihnachts-Challenge 2016 von Wolfi

WeihnachtsbeleuchtungIch habe einen Osterstrauch zu Hause stehen, den ich auch als Weihnachtsbaum-Strauch sehe. Ein fröhliches, buntes Symbol mit Ostereiern aus Holz im Miniaturformat, mit Erdbeeren aus Filz (etwas zu früh, ein Sommersymbol und laut Früchte-Horoskop mein „Sternzeichen“), Zwergenfiguren aus Keramik davor, Silvesterglücksbringern, ohne Palmkätzchen, aber mit einem Glasanhänger, der mir gefällt und den ich in einem Souvenierladen in der Altstadt gekauft habe.

Ich feiere wenn schon die Hoffnung auf einen warmen Sommer, auf Sonnenschein (und für mich Schatten, ohne Sonnenbrand geniesst es sich mehr), dass der Winter bald vorbei ist, ich feiere durchaus das Leben (ich glaube, das Motto des Life Balls, Buchtitel, Hochzeits- und Tauffestglückwunschkarten, usw. usf.), die grüne Natur …

Feiere ich?

Seit Jahrzehnten nicht mehr. Oder doch, ja … auch … Ich arbeitete meistens am 24., meistens auch am 25. Ich mache im Advent Hamsterkäufe wie alle anderen auch. Katzenfutter kann man Anfang Januar manchmal nicht mal mehr nachkaufen und die Warteschlangen werden in der letzten Woche einfach zu lang. Also lieber Hamstereinkäufe machen.

Ich fuhr dann meistens heim. Kartoffelsalat essen mit meiner Familie. Bzw. Kaffee und Kuchen mit Papa und Michi – und Kartoffelsalat gabs bei meiner Mutter. Dann wieder heimfahren. Die letzten 5 Jahre arbeiten und Kartoffelsalat essen bei Mama, das blieb sich gleich. Der Rest starb …

Geschenke gab es seit einigen Jahren eher symbolische, eher unterm Jahr oder zum Geburtstag.

Weihnachten in der Kindheit erlebte ich eher als Kompromiss im Streit, als diplomatische Übung bei wem man wann zu feiern gedenke, mit wem.

Jesus gab es vielleicht als historische Figur; seine „Strahlkraft“ als metaphorische Figur ist allerdings eher ein großer, beeinflussender Faktor für mein Weltbild geworden – könnte man zumindest annehmen. Wenn das Buch „Was Jesus wirklich gesagt hat“ von Franz Alt nicht mit ziemlich langen Erläuterungen und predigt-ähnlichen Passagen anfangen würde, hätte ich das Buch sicherlich höchst interessant gefunden.

Also um es einmal klipp und klar zu sagen: Atheistisches Weihnachten gibt es für mich. Allerdings hat es mit Weihnachten nur mehr bzgl. der Bezeichnung zu tun. Die Lebensrealität ließ Weihnachten zu einer Art Gelegenheit werden, sich Gedanken zu machen und es ist … die „Tortur“, die immer wieder sich wandelnd eintritt.

Auch ist Weihnachten meistens die Gelegenheit schlechthin, die Natur des Menschen fasziniert zu beobachten. Wenn man an diesen Tagen arbeitet, meist nach einem für unsere schwächelnde Wirtschaft erstaunlich „gutem“ (und somit auch für Kundendienst, Hotline usw. Mitarbeiter meist etwas problematischem) Advent heißt das natürlich eher in einem sarkastischen Sinne: Die nicht eintretende Friedlichkeit, das nicht stattfindende Weihnachtswunder, der nicht mal mehr in Kriegen eingehaltene Weihnachtsfriede – aber auch verglichen mit einer kleinen Erzählung hier, einem kleinen Weihnachtswunder durch Bescherung für Kinder dort … Und die Ruhe, die durch den fast zur Gänze wegfallenden Straßenverkehr plötzlich herrscht. Die innere Ruhe, die man bei einem Spaziergang erfahren kann … solange man Heimgehende, Weihnachtsmärkte und -besuchende und vieles weitere mehr versucht zu vermeiden.

Weihnachten ist das Fest des Friedens, auch für mich. Allerdings vor allem, wenn ich wieder einmal drauf komme, dass ich der Lebensphilosophie des Biedermeier näher stehe als dem Weihnachtstrubel allerorten. Weil ich das Buch gerade angefangen habe zu lesen und (in meiner derzeit vorherrschenden, für den Anfang eines interessanten Textes typischen Begeisterung für diesen Text) trotz der thematischen Unschärfe, der in ganz andere Bereiche weitergehenden Gedanken und Argumentationen Freuds hier die einleitenden Worte einfügen möchte:

Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur – Kapitel 1

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen. Und doch ist man bei jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es gibt einzelne Männer, denen sich die Verehrung ihrer Zeitgenossen nicht versagt, obwohl ihre Größe auf Eigenschaften und Leistungen ruht, die den Zielen und Idealen der Menge durchaus fremd sind. Man wird leicht annehmen wollen, daß es doch nur eine Minderzahl ist, welche diese großen Männer anerkennt, während die große Mehrheit nichts von ihnen wissen will. Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten zwischen dem Denken und dem Handeln der Menschen und der Vielstimmigkeit ihrer Wunschregungen.

Einer dieser ausgezeichneten Männer nennt sich in Briefen meinen Freund. Ich hatte ihm meine kleine Schrift zugeschickt, welche die Religion als Illusion behandelt, und er antwortete, er wäre mit meinem Urteil über die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber, daß ich die eigentliche Quelle der Religiosität nicht gewürdigt hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er von vielen anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der »Ewigkeit« nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam »Ozeanischem«. Dies Gefühl sei eine rein subjektive Tatsache, kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persönlicher Fortdauer knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle der religiösen Energie, die von den verschiedenen Kirchen und Religionssystemen gefaßt, in bestimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde. Nur auf Grund dieses ozeanischen Gefühls dürfe man sich religiös heißen, auch wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne.

Diese Äußerung meines verehrten Freundes, der selbst einmal den Zauber der Illusion poetisch gewürdigt hat, brachte mir nicht geringe Schwierigkeiten (Fußnote: Liluli. – Seit dem Erscheinen der beiden Bücher La vie de Ramarkrishna und La vie de Vivekananda (1930) brauche ich nicht mehr zu verbergen, daß der im text gemeinte Freund Romain Rolland ist).

Ich selbst kann dies »ozeanische« Gefühl nicht in mir entdecken. Es ist nicht bequem, Gefühle wissenschaftlich zu bearbeiten. Man kann versuchen, ihre physiologischen Anzeichen zu beschreiben. Wo dies nicht angeht – ich fürchte, auch das ozeanische Gefühl wird sich einer solchen Charakteristik entziehen –, bleibt doch nichts übrig, als sich an den Vorstellungsinhalt zu halten, der sich assoziativ am ehesten zum Gefühl gesellt. Habe ich meinen Freund richtig verstanden, so meint er dasselbe, was ein origineller und ziemlich absonderlicher Dichter seinem Helden als Trost vor dem freigewählten Tod mitgibt: »Aus dieser Welt können wir nicht fallen.« Also ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen der Außenwelt. Ich möchte sagen, für mich hat dies eher den Charakter einer intellektuellen Einsicht, gewiß nicht ohne begleitenden Gefühlston, wie er aber auch bei anderen Denkakten von ähnlicher Tragweite nicht fehlen wird. An meiner Person könnte ich mich von der primären Natur eines solchen Gefühls nicht überzeugen. Darum darf ich aber sein tatsächliches Vorkommen bei anderen nicht bestreiten. Es fragt sich nur, ob es richtig gedeutet wird und ob es als »fons et origo« aller religiösen Bedürfnisse anerkannt werden soll.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-unbehagen-in-der-kultur-922/1

Mit ein paar predigt-ähnlichen Worten möchte ich abschließen:

Was kann uns diese Passage zum religiösen Gefühl, einem unbestimmten, ozeanischen Gefühl bzgl. Weihnachten sagen? Was will ich damit sagen?

Dass der Anspruch, den viele Menschen, um nicht zu sagen „wir alle“ an Weihnachten stellen, ebenso wie unser Gottesbild ein menschengemachter Anspruch zu sein scheint. ich fordere jede*n einzelne*n dazu auf, sich ihr*sein eigenes, menschengemachtes, schönes Weihnachten zu gestalten. und ich wünsche es jeder*m, dass dieser Anspruch wahr wird – jedes Jahr, für jede*n, ein eigenes, persönliches Weihnachten!

Wolfi ist ein Studienabbrecher aus Innsbruck. Er interessiert sich manchmal für vieles, manchmal nur für weniges. Er ist Regionalkontakt der ARG für Tirol, eventuell ein Gutmensch und ein viel-Redner, hat Fehler und Fehler gemacht – wie jede*r Andere auch – und erfüllt als Projektionsfläche sicherlich noch vieles mehr.


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