Die Vertreibung aus dem Paradies – Eine atheistische (Um-)Deutung (1)


Die Ursünde als Menschwerdung

Die Bibel hat viele Fehler, und die Genesis natürlich auch. Viele dieser Fehler, zwingen mich, ungläubig in Bezug auf die Bibel zu sein. Ich kann nicht einverstanden sein, mit einem Gott, der die Menschen erst erschafft, und dann dafür, was sie sind, verdammt. Ich will keine Religion wählen, in der der Versuch, die Welt zu verstehen als erste und ewige erbliche Sünde betrachtet wird.

Ich bin also dem rebellischen Geist verschrieben. Ich sehe in der Schlange die Mutter der menschlichen Kultur, und weil der Mensch ohne Kultur nicht Mensch ist, in dem Moment der Ursünde erst den Beginn des Menschsseins.

Eine weitverbreitete Auffassung ist, dass Gott den Menschen glücklich geschaffen hat, und die Kombination aus Schlange und Eva den Menschen in’s Unglück gestürzt und aus dem Paradies verbannt hat. Wenn die Geschichte sinnvoll sein soll, dann muss man sie umdeuten und wohl auch umschreiben.

Gott hat etwas ähnliches wie den Menschen erschaffen. Etwas, das die Fähigkeit hat, einmal Mensch zu sein. Einen Vormenschen. Um wirklich Mensch zu werden musste dieses Wesen noch weiter bearbeitet werden. Zunächst wurde es vom rebellischen Geist versucht, und dann hat es sich, durch eigene Entscheidung selbst zum Menschen gemacht, indem es gehandelt hat. Hätten die beiden Ureltern der Menschheit Gott gehorcht, und auf die Erkenntnis von Gut und Böse verzichtet, dann wären sie niemals Mensch geworden.

Was heißt bitte Sünde?

Ein weiterer Fehler in der Geschichte oder zumindest ihrer weitverbreiteten Auffassung ist das Verständnis von Schuld/Sünde. Vor dem moralischen Urknall gab es keine Sünde. Bevor der Mensch zwischen richtig und falsch unterscheiden konnte, konnte er auch nicht das „Falsche“ tun. Er konnte auch nicht wissen, dass es böse sei, von der Frucht zu essen. Er konnte wissen, dass Gott das verbietet, aber nicht mehr. Das Streben nach Erkenntnis ermöglicht es erst, Schuld zu empfinden, und so kam die Sünde in die Welt. Deswegen war es aber nicht falsch, es verstehen zu wollen. Genauso wie die Sünde in die Welt kam, kam nämlich auch erst in diesem Moment das Richtige in die Welt. Lebewesen, die nicht entscheiden können, handeln nicht moralisch richtig. Sie tragen keine Verantwortung, sondern leben einfach. Um also das Richtige tun zu können musste Eva erst einmal herausfinden, was das denn sei. Gleichzeitig ist es wohl war, dass dieser Akt die Menschen aus dem Paradies vertrieben hat. Davor waren sie im Zustand der Ignoranz, und wie es schon bei 1984 heißt: Ignorance is bliss. – Selig sind die geistig Armen. Der Löwe muss sich über seinen Fleischkonsum keine Gedanken machen …

Durch die Tat kam also das Bewusstsein um Sterblichkeit, Nacktheit und Richtig und Falsch in die Welt, ins Bewusstsein der ersten Menschen, so sagt es die Geschichte. Und das war die Erbsünde, der kulturgeschichtliche Moment, hinter den wir nicht mehr zurück können. Vertrieben aus dem Paradies, die Tür zurück versperrt. Aber war das handeln schuldhaft?

Nein, konnte es nicht sein, denn so wie der Löwe sich nicht um seinen Fleischkonsum verkopfen kann, so konnten die Proto-Menschen nicht wissen, was Falsch überhaupt ist. Der Konsum der Frucht war der Urknall der Moral. Der Mensch kann nicht schuldhaft in den Beginn der Schuld gegangen sein. Das heißt, die Erbsünde muss eine andere Bedeutung haben. Wir schulden Gott keine Wiedergutmachung. Wir müssen nicht bereuhen, dass wir Menschen sind. Wir hatten genau so wenig Wahl wie der Löwe. Ganz im Gegenteil: Jetzt wo wir Menschen sind, und um Richtig und Falsch wissen können, oder zumindest nach der Erkenntnis streben können, wäre es schuldhaft, sich nicht mit der Frage zu befassen, die Ursünde also nicht noch weiter zu treiben!

Mein Freund Martin meinte, das Problem liege darin, dass der Ursprung, der Konsum der Frucht das Bewusstsein um den Tod gebracht hat, und was das alles mit uns macht. Für ihn liegt die Sünde in der Angst vor dem Tod, beziehungsweise unserem Umgang damit. Dazu schreibe ich am kommenden Sonntag im zweiten Teil dieser Serie mehr.

Wenn der Mensch also nicht Schuldhaft zur Schuld gekommen ist, dann schuldet er dafür auch nichts. Mit dem Konzept kommen wir also nirgends hin. Alain de Botton bietet an, den Menschen über seine Erlösungsbedürftigkeit zu verstehen. Unsere Zerrissenheit zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen Ökonomie der Ressourcen und Aufwand treiben, um das Richtige zu tun, zerreißt uns immer wieder das Herz. Wir sind in einem Zustand, indem wir damit konfrontiert sind, dass wir nur fehlerhaft handeln können. Wir sind in dem Sinne dazu verdammt, Sünder zu sein, ohne dass wir uns dafür entscheiden. Wir sind sogesehen unverschuldet in einem Zustand, der der Erlösung bedarf.

Wir müssen nicht vor Gott kriechen, weil wir Sünder sind, wir müssen uns selbst nicht verachten. Wir haben keine moralische Verpflichtung, uns schlecht zu fühlen. Vielmehr passiert es aber immer wieder, dass wir es tun, auch wenn uns niemand dazu zwingt. Es irrt der Mensch, so lang er strebt. Und dieses irren tut immer wieder weh. Den etwas reflektierteren unter uns ist der Mangel unseres Real-Ich gegenüber unserem Ideal-Ich bewusst, und wir erleben das als demütigend. Nicht Gott muss uns das vergeben, sondern wir selbst.

Der Zustand der Sünde ist also der Zustand, der der Erlösung bedarf. Aber ist nicht zwingend ein Zustand, der einem vorgeworfen werden kann.


Über Eosphoros

Die Frage des Atheismus ist nicht: Gibt es einen Gott, sondern vielmehr: Wenn es keinen Gott gibt, wie geht dann das Leben? Kann man auch beten, ohne zu jemandem zu beten? Kann man auch sterben ohne weiterzuleben? Und wenn ja, wie? Es ist eine häufig ungedankte Aufgabe, Menschen ihrer Illusionen zu berauben. Der Wille zur Wahrheit und der Wille zur Verantwortung sind anstrengend, Illusionen oft der einfachere Weg. Nicht umsonst wurde der Lichtbringer Prometheus an einen Felsen gekettet und gefoltert, der Engel Lucifer in die Hölle (oder auch auf die Erde?) verbannt. Tja, aber da sind die Menschen nun. Keine Menschen im Olymp, und kein lebendiger Mensch im Paradies. Das beste was die Menschen hoffen können, ist es sich einigermaßen gut einzurichten. Dazu bedarf es der Weisheit, einer Eigenschaft beziehungsweise Fertigkeit die nur all zu oft mit "Wissen" verwechselt wird. Wissenschaft und Rationalität, es tut mir leid, das sagen zu müssen, sind noch nicht das Ende zur Fahnenstange. Sie dienen dem guten Leben, aber nur, wenn sie richtig eingesetzt werden. In diesem Sinne bemühe ich mich um eine Atheistische Religionsgesellschaft, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis, verknüpft mit kultureller Erfahrung, politischen Betrachtungen, Philosophischen Überlegungen und möglicherweise tradiierter Mythen.

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