Werte


An dieser Stelle möchten wir die grundlegenden Wertvorstellungen darlegen, die wir als Atheistische Religionsgesellschaft vertreten und an denen wir uns orientieren. Diese Aufgabe ist durchaus komplex, da das Thema “Werte” und “Wertvorstellungen” sehr weitläufig ist. Deswegen liefern wir an dieser Stelle vorläufig eine Übersicht über einige konkrete Punkte, die uns besonders wichtig erscheinen. Diese Darstellung ist keinesfalls vollständig und wird im Laufe der Zeit erweitert werden.

Werte im Allgemeinen

Wir glauben grundsätzlich, dass unsere Wertvorstellungen nicht “vom Himmel fallen”, sondern immer menschlichen Ursprungs sind. Das Denken und Handeln jedes einzelnen Menschen wird durch seine individuellen Wertvorstellungen mitbestimmt. Nicht nur hier sondern auch, wenn es um das Zusammenleben vieler Individuen in der Gesellschaft geht, kommen gemeinschaftliche Wertvorstellungen ins Spiel, die oft als „Wertekanon“ oder als „Wertekonsens“ bezeichnet werden. Diese gemeinsamen Werte ergeben sich einerseits aus den individuellen Wertevorstellungen, andererseits beeinflussen sie diese auch. In diesem Kontext sehen wir auch unsere Wertvorstellungen als Atheistische Religionsgesellschaft: Sie sollten sowohl ein Konsens von als auch ein Orientierungspunkt für individuelle Wertvorstellungen von Atheistinnen und Atheisten sein, die sich zu unserer Religionsgesellschaft bekennen möchten.

Religion und Weltanschauung

Religion, so wie wir sie verstehen, ist eine Art gelebter Philosophie. Dabei ist zum Einen die Suche nach Erkenntnis wichtig, zum Anderen aber auch die Frage, was wir Menschen konkret daraus machen können.

Ein wesentlicher Aspekt der Religion, den wir für wichtig erachten, ist die Seelsorge. Darunter verstehen wir im Allgemeinen die Begleitung von Menschen in (in der Regel nicht alltäglichen) Lebenssituationen. Es gibt Situationen im Leben jedes Menschen, die er nicht alleine erleben möchte oder kann. Dazu zählen insbesondere Ereignisse, die die Grenzen des Lebens ins Bewusstsein rufen, zum Beispiel die Geburt eines Kindes, aber auch der Tod eines geliebten Mitmenschen. Das sind Beispiele für Lebenssituationen, die in Begleitung sinnvoller und/oder auch leichter zu durchleben sind. Da wir in diesem Zusammenhang den Begriff der „Seele“ als ein Synonym für das menschliche Bewusstsein betrachten, ist somit auch die „Seelsorge“ eine bewusstseinsbildende Arbeit. Wir möchten betonen, dass seelsorgerische Arbeit immer ein freiwilliges Angebot sein sollte, da sie in der Regel sehr intime persönliche Angelegenheiten betrifft.

Als Atheistinnen und Atheisten ist uns der Humanismus wichtig: Im Zentrum unserer Sinnkonstruktion der Welt sehen wir die Menschheit. Wir nehmen an, dass die Welt durchaus auch ohne Menschen existiert und funktioniert hat und wohl auch ohne uns existieren und funktionieren würde. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass wir Menschen Sinn (zumindest für uns Menschen) in die Welt bringen und für unsere menschliche Kultur mitverantwortlich sind.

Mit menschlicher Kultur meinen wir in diesem Zusammenhang nicht eine bestimmte Kultur, sondern das Phänomen, dass sich Menschen in Gemeinschaften und Gesellschaften organisieren, ihre Sinnkonstruktionen miteinander teilen und in die nächste Generation weitergeben. Es gibt viele unterschiedliche Kulturen auf der Welt, die nach unterschiedlichen Mustern Wohl und Übel in die Welt bringen. Wir wollen uns nicht anmaßen für alle Menschen gültige Werte festzulegen, aber wir haben Überzeugungen, die wir als richtig ansehen und die wir wiederum gerne anderen Menschen vermitteln wollen.

Verantwortung

Da wir die Lage so einschätzen, dass alle Gottheiten der Menschen menschliche (kulturelle) Konstruktionen sind, ist im Grunde genommen der Mensch das “höchste” uns bekannte Wesen, das in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen. Unserer Ansicht nach sollte sich kein Mensch in seinem Handeln auf einen Gott herausreden, kein Gott kann eine gültige Rechtfertigung sein. Letzten Endes entscheidet der Mensch, ob er der kulturellen Anweisung eines Gottes gehorcht oder nicht.

Wir wissen, dass kein Mensch fehlerfrei ist, dass kein Mensch in der Lage ist, ständig das Richtige zu tun. Deswegen ist ein sinnvoller Umgang mit Fehlern notwendig. Menschen sollten sich selbst und einander Fehler auch verzeihen können. Unvollkommenheit ist aber noch lange kein Grund nicht nach Vollkommenheit zu streben. Daher ist es besonders wichtig, aus Fehlern (eigenen und jenen anderer) zu lernen.

Politik

Ebenso wie „göttliche Gesetze“ sind auch weltliche Gesetze letztendlich menschgemacht. Es ist ein wesentlicher Aspekt der menschlichen Kultur, sich in Gemeinschaften zu organisieren. Die Organisation von menschlichen Gemeinschaften im großen Ausmaß ist das Aufgabengebiet der Politik.

Die historische Erfahrung zeigt, dass die rechtsstaatliche Demokratie, in der die Macht durch Gewaltenteilung begrenzt wird, jene Staatsform ist, welche am Besten in der Lage ist, die Rechte und Freiheiten des einzelnen Individuums zu gewährleisten. Diese Staatsordnung ist aber keinesfalls als selbstverständlich hinzunehmen. Sie ist ebenso ein Produkt der menschlichen Kultur, welches historisch gewachsen ist und teilweise schmerzhaft erkämpft werden musste. Hierbei ist nicht zuletzt auf das folgende bekannte Theorem des deutschen Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde hinzuweisen:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ – Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.

In diesem Sinn erachten wir Demokratie als einen Prozess, der weit über das bloße Wählen von Vertreterinnen und Vertretern hinaus geht. Demokratie kann nur dann funktionieren, wenn die einzelnen Menschen sich einbringen, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und nicht in ‘Untertanenmentalität’ dienen. Der Befehlsnotstand sollte aus unserer Sicht keine allgemeine Ausrede sein. Alle Menschen tragen ständig die Verantwortung, das Richtige zu tun und durch ihre Kritik bis hin zur Befehlsverweigerung die Gesellschaft zu korrigieren.

Ausgewählte Standpunkte

Das Tragen von Verantwortung macht uns zu bestimmenden Wesen. Wer Verantwortung trägt, trifft Entscheidungen und lebt mit Konsequenzen. Diese Autonomie darf nur mit besonders starken Gründen eingeschränkt werden. Alle Formen der Gewalt zeichnen sich dadurch aus, dass diese Autonomie von Menschen eingeschränkt wird. Gewalt ist daher eine Einschränkung der Lebensqualität, ein prinzipieller Verstoß gegen das ‘Gute Leben’.

Die Unvollkommenheit der Welt mag Gewalt in manchen Situationen notwendig machen, etwa Gewalt gegen einen Bedroher, um eine größere Bedrohung abzuwenden (Notwehr, Nothilfe). Für solche Fälle sind rechtliche Abwägungen notwendig. Es gilt jedoch die Verhältnismäßigkeit und damit den Weg der geringsten Gewalt zu wählen.

Die Todesstrafe kann in keinem Fall das gelindeste Mittel sein, da sie voraussetzt, dass der Verurteilte/die Verurteilte bereits entwaffnet und verhaftet ist, somit keine unmittelbare Gefahr (Notwehr, Nothilfe) mehr darstellt. Ebenso ist auch Folter ein barbarischer Akt, dessen bloße Anerkennung in einer Gesellschaft zu Verrohung führt.

Aus der Verantwortung für das eigene Leben und der Autonomie leiten wir auch eine Freiheit bei der Familienplanung ab. Wir sehen in einem generellen Verbot der Abtreibung einen ungerechtfertigten Eingriff in die Autonomie des Menschen, über den eigenen Körper zu bestimmen. Wir erkennen jedoch an, das Abtreibung ein Thema ist, das sich in einer moralischen Grauzone bewegt. Ein Embryo als Keimstadium menschlichen Lebens hat zweifellos einen Keim von Menschenwürde und sollte daher niemals bagatellisiert werden. Das macht eine besonders verantwortungsbewusste Entscheidung in Fragen der Abtreibung notwendig.

In ähnlicher Weise betrachten wir auch die Sterbehilfe. Ein generelles Verbot der Sterbehilfe ist ein Eingriff in das Recht des Menschen, über sein Leben zu bestimmen. Das Leben jedes Menschen gehört ihm selbst, somit hat er auch das Recht, über dessen Ende zu bestimmen. Doch auch in dieser Frage gibt es viele Grauzonen. Wenn ein Mensch seinem eigenen Leben ein Ende setzen möchte, ist das nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, sondern im Kontext seiner Lebensumstände zu betrachten. Mit einem Menschen, der unheilbar krank ist und unter körperlichen Schmerzen leidet, ist anders umzugehen als mit einem Menschen, der aufgrund von Depressionen Selbstmordgedanken hegt.

Wir halten es für erstrebenswert, dazu beizutragen, dass ein gutes Leben für alle Menschen (egal wo und wie sie geboren worden sind) möglich wird.

All diese moralischen Fragen hier abzuhandeln, würde den Rahmen dieses Textes sprengen, der wie gesagt nur einen Überblick liefern soll. Für weitere Einblicke in unsere Wertevorstellungen möchten wir auf andere Stellen auf dieser Homepage verweisen, zum Beispiel im Konzept, in den Statuten, den FAQs sowie auf die zahlreichen weltanschaulichen Beiträge, die wir im Laufe der Zeit hier veröffentlichen werden.

Weiterführender Link:

  • “Dialogforum Ethik”: Wir sind seit 2015 am “Dialogforum Ethik” der “Initiative Weltethos Österreich” (IWEO) beteiligt.