Konzept


Im Folgenden möchten wir die Grundidee und das Konzept unserer Atheistischen Religionsgesellschaft darstellen. Bei der vorliegenden Darstellung handelt es sich selbstverständlich nur um einen groben Überblick. Weiterführende Details werden wir im Laufe der Zeit in weiteren Beiträgen auf dieser Homepage ausarbeiten.

„Atheistische Religion“? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht absurd, Atheismus und Religion zusammen zu bringen. Diese beiden Dinge scheinen einander zu widersprechen. Bei genauerer Betrachtung ist dieser augenscheinliche Widerspruch aber gar nicht gegeben.

Wir sind Atheistinnen und Atheisten, weil wir glauben, dass Götter als physische Entitäten nicht existieren. Es gibt sie aber dennoch: Götter existieren als kulturelle Entitäten. Sie sind sozusagen Weltanschauungskomplexe, denen viele Menschen Macht in unserem Leben einräumen. Wir beschäftigen uns interessiert mit ihnen als Phänomenen der Gesellschaft und der menschlichen Kultur. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir glauben nicht, das Götter Menschen erschaffen haben, sondern dass Menschen Götter erschaffen haben (und erschaffen).

Wir betrachten uns aber auch als Religionsgemeinschaft. In unserem Verständnis ist Religion unter anderem auch ein Set von Anschauungen und vor allem Praxen, die sich damit befassen, was es bedeutet, Mensch zu sein und als Mensch in der Welt zu leben. Sie beschäftigt sich mit Aspekten des menschlichen Lebens, die über das normale Alltagsleben hinaus gehen. Jede Religion liefert Weltbilder, an denen sich Menschen orientieren können, sowie Möglichkeiten, um inne zu halten, über diese Themen nachzudenken (z.B. in Form von Feiern und Ritualen).

Da unsere Kulturräume besonders durch (mono-) theistische Religionen (mit-) geprägt sind (vor allem natürlich durch das Christentum), wird im allgemeinen Sprachgebrauch „Religion“ meist mit „Theismus“ gleich gesetzt. Schon das Beispiel des Buddhismus, dem keine theistischen Vorstellungen innewohnen, der aber im Allgemeinen als Religion betrachtet wird und in Österreich auch als solche gesetzlich anerkannt ist, zeigt aber, dass diese Gleichsetzung nicht allgemein gültig sein kann. Die Richtlinie 2004/83/EG des Rates der Europäischen Union erklärt im Artikel 10 Absatz 1 Buchstabe b ganz ausdrücklich:

Der Begriff der Religion umfasst insbesondere theistische, nichttheistische und atheistische Glaubensüberzeugungen, die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme an religiösen Riten im privaten oder öffentlichen Bereich, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, sonstige religiöse Betätigungen oder Meinungsäußerungen und Verhaltensweisen Einzelner oder der Gemeinschaft, die sich auf eine religiöse Überzeugung stützen oder nach dieser vorgeschrieben sind.

So gesehen besteht auch zwischen Atheismus und Religion grundsätzlich kein Widerspruch.

Sinn und Betätigungsfelder der Atheistischen Religionsgesellschaft

Wir gehen davon aus, dass die Bedürfnisse, die durch Religion befriedigt werden können, bei sehr vielen Menschen vorhanden sind. Weiters gehen wir davon aus, dass, ebenso wie Götter, auch alle Religionen dieser Welt von Menschen erschaffen wurden. Daher sehen wir durchaus Bedarf für eine atheistische Religionsgesellschaft. Wir möchten eine Religionsgesellschaft sein, an die man sich mit lebenspraktisch-seelsorgerischen Anliegen aller Art wenden kann, an der man partizipieren kann, ohne an wundertätige Gottheiten glauben zu müssen (oder zumindest vorgeben zu müssen, daran zu glauben).

Unser Anliegen ist keine komplett neue Idee. So hat zum Beispiel die Wiener ArbeiterInnenbewegung im 20. Jahrhundert wichtige Vorarbeit geleistet, indem sie zum Beispiel im Rahmen des Bestattungswesens wichtige und dauerhafte Einrichtungen geschaffen hat. In einigen Städten Großbritanniens gibt es seit 2013 sogenannte „Sunday Assemblies“ (http://www.sundayassembly.com/), feierliche Zusammenkünfte von Menschen, die nicht an Gott glauben. Wir wollen die zugrunde liegende Idee des würdevollen Gestaltens lebensbereichernder Feiern aufgreifen und für einmalige und wiederkehrende bedeutungsvolle Ereignisse im Leben einen schönen Rahmen schaffen.

Wir glauben nicht, dass Rituale göttliche Macht besänftigen oder göttliche Zuneigung erkaufen können. Wir verstehen sie als eine Art Praxiswerdung von Gedanken, als eine Art der kulturellen Kommunikation, die wirksamer sein kann als zum Beispiel die bloße Lektüre von Ratgeberliteratur zum selben Thema. Unsere Weisheit wollen wir dabei nicht (nur) alten Schriften aus längst vergangenen kulturellen Realitäten entnehmen, sondern den ganzen Prozess der Menschwerdung, von den ersten Zeugnissen menschlicher Kultur bis zum heutigen Tag, einbeziehen.

Weiterführende Links zu weltanschaulichen Grundlagen:

Gesellschaftliche Aspekte

Derzeit findet ein interessanter gesellschaftlicher Wandel dessen, was und wie „religiös geglaubt und gelebt“ wird, statt. Während Österreich noch vor einigen Jahrzehnten mehrheitlich katholisch war, ist das Bild heute deutlich vielseitiger. Einerseits wurden durch Zuwanderung und durch kulturellen Austausch Religionen aus anderen Weltgegenden in Österreich heimisch. Andererseits nimmt die Anzahl der Menschen, die keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören, zu. Auch innerhalb der Religionsgemeinschaften gibt es inzwischen deutliche Differenzen zwischen den offiziellen religiösen Lehren und den tatsächlichen religiösen Vorstellungen der angehörigen Mitglieder.

Als Atheistinnen und Atheisten beteiligen wir uns aktiv am religiösen Diskurs und an der gesellschaftlichen Aushandlung dessen, was in Österreich heutzutage als „religiös“ beziehungsweise als „Religion“ wahrgenommen und angenommen wird. Mit unserer Initiative möchten wir diesen gesellschaftlichen Wandlungsprozess sichtbar(er) machen, neue Räume der kulturellen Partizipation eröffnen und dazu einladen, über den Stellenwert von Religionsgemeinschaften in Österreich nachzudenken.

Weiterführende Links:

Rechtliche Aspekte

Zusätzlich zu diesen weltanschaulichen Zielsetzungen hat unser Projekt auch bedeutende rechtliche Aspekte. Seit 1998 ist in Österreich das Bekenntnisgemeinschaftengesetz (“Bundesgesetz über die Rechtspersönlichkeit von religiösen Bekenntnisgemeinschaften”, BGBl. I Nr. 19/1998) in Kraft. Mit diesem Gesetz (welches den Rechtsstatus von religiösen Bekenntnisgemeinschaften regelt, welche noch nicht gesetzlich anerkannt sind) wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, auf der wir unserer Tätigkeit nachgehen wollen.

Konkret möchten wir auf religionsrechtlicher Ebene erreichen, dass unser religiöses Bekenntnis (siehe § 2 der Statuten, „Darstellung der Religionslehre“) auch als ein solches staatlich eingetragen wird. Daher streben wir für die „Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich“ den Status einer staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft entsprechend dem Bekenntnisgemeinschaftengesetz an. Langfristig möchten wir vor diesem Hintergrund eine gesetzlich anerkannte Religionsgesellschaft werden. Wir betrachten diese Ziele als sinnvoll und notwendig, um innerhalb des geltenden religionsrechtlichen Rahmens eine nachhaltige Gleichberechtigung mit Anhängern bereits etablierter Religionsgemeinschaften zu erlangen.

Weiterführende Links:

  • “Sie tun mir als Atheist ja leid” (derStandard.at, 5.8.2009): In diesem Streitgespräch zwischen dem Katholiken Andreas Khol und dem Atheisten Niko Alm merkte Andreas Khol an: “Wenn die Atheisten sich zusammenschlössen und sagen, wir sind eine Bekenntnisgemeinschaft, hätten sie genau die gleichen Rechte.”