Religion, Atheismus und Agnostizismus


Die letzten Wochen des zu Ende gehenden Jahres sind vielerorts mit festlichen Zeiten, die traditionell ganz besonders auf die Geburt von Jesus (oder, mit griechischer Endung, die Geburt „Jesu“) bezogen sind (Advent, Weihnachten, etc.), verbunden. Jesus ist ein ganz zentraler Bezugspunkt des Christentums, also einer Weltreligion. Was ist das eigentlich: Religion?

Religion ist nicht unbedingt notwendigerweise auch ein Glaube(n) an eine(n) oder mehrere Göttinnen bzw. Götter. Zur etymologischen Erklärung des Wortes „Religion“ sind besonders drei lateinische Verben schon seit der Antike immer wieder ins Spiel gebracht worden: erstens „relígere“ (Betonung auf dem „i“, „sorgfältig beachten“, erwähnt z. B. von Aulus Gellius in seiner Schrift „Attische Nächte“ IV, 9, 1), zweitens „relégere“ (Betonung auf dem zweiten „e“, „wieder lesen/sammeln, lesend/sammelnd/denkend wieder durchgehen“, präsentiert z. B. von Cicero in seiner Schrift „Über die Natur der Götter“ II, 72), und drittens „religáre“ (Betonung auf dem langen „a“, „zurückbinden, wieder verbinden“, präsentiert z. B. von Laktanz in seiner Schrift „Göttliche Unterweisungen“ IV, 28, 2). Diese drei Erklärungsoptionen wurden zwar in (poly- und mono-) theistischen Zusammenhängen entwickelt, sie sind aber auch in atheistischen Zusammenhängen ebenfalls sinnvoll interpretierbar. Falls es zur Bestimmung dessen, was Religion ist, überhaupt auf sie ankommt. Das tut es aber wohl gar nicht.

Im Grunde genommen, so können wir losgelöst von jeder etymologischen Erklärung des Wortes „Religion“ vielleicht etwas verkürzt sagen, ist Religion neben allem, was sie sonst noch sein mag, auch ein kultureller Raum, in dem existenzielle Fragen gestellt werden können. Eine wirklich ernsthafte Beschäftigung mit solchen Fragen kann, sofern sie auf einem akzeptablen Niveau, in einer akzeptablen – z. B. menschenrechtlich unbedenklichen – Form und in einem akzeptablen Ausmaß verwirklicht wird, uns allen eigentlich nur guttun und ist auch aus einer atheistischen Perspektive heraus sinnvoll und möglich. Das Adjektiv „atheistisch“ enthält sicherlich eine Verneinung („nicht theistisch“) – das altgriechische Kompositum „átheos“ (Betonung auf dem „a“) mit der verneinenden Vorsilbe „a-“ („alpha privativum“) und dem Wortteil „theos“ (von „theós“, mit Betonung auf dem kurzen „o“, „Gott“) bedeutet im Grunde genommen so viel wie „ohne Gott, gottlos“ – und damit auch eine gewisse Abgrenzung. Das ist allerdings keine Besonderheit von Atheismus. Einer Abgrenzung völlig zu entkommen ist schwierig bis irgendwie unmöglich. Auch das Adjektiv „christlich“ beispielsweise beinhaltet irgendwie eine Abgrenzung gegenüber allen jenen, die Jesus eben nicht als den Christus („Gesalbten“, von altgriechisch „christós“, mit Betonung auf dem kurzen „o“, „gesalbt“) Gottes betrachten und als solchen religiös verehren.

Grundsätzlich sind auch andere Transzendenzbezüge, nicht nur theistische, mit entsprechender Spiritualität denkbar und möglich, je nachdem, was jeweils unter „Transzendenz“ verstanden werden kann. Atheismus bedeutet so gesehen zunächst einfach nur „nicht/kein Theismus“ („Nicht-Theismus“), muss also nicht gleich zwangsläufig auch die Abwesenheit von Religion bedeuten. (Das wäre dann „Nicht-Religion“.) Nehmen wir dazu ein ganz konkretes Beispiel. Die „Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich“ (ARG, atheistisch.at) ist eine Vereinigung von Atheist*innen in Österreich, nimmt die Religionsfreiheit (die ja für uns alle gleichermaßen gilt) sehr ernst und strebt gleichzeitig den Status einer staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft an. Sie verfolgt darüber hinaus das langfristige Ziel einer vollen Gleichberechtigung und Anerkennung als Religionsgesellschaft in Österreich. Die ARG will auf diesem Weg in Österreich neue Räume einer kulturellen Partizipation (z. B. diverse „Seelsorgen“ etc.) für Atheist*innen eröffnen und dabei auch einen Wandlungsprozess dessen, was in Österreich als Religion wahrgenommen und angenommen wird und wie sie gelebt wird, sichtbar machen.

In einigen Staaten werden Atheist*innen wegen ihres Atheismus aus religiösen Gründen verfolgt und sogar mit dem Tod bedroht. Die ARG nimmt demgegenüber das Menschenrecht der Religionsfreiheit sehr ernst. Die Republik Österreich tut das ebenso und schützt bei einem amtlich festgestellten asylrelevanten Verfolgungsrisiko auch Atheist*innen vor Verfolgung. So haben bereits mehrere ARG-Mitglieder mit Unterstützung der ARG vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, also schon in erster Instanz, rechtskräftig Asyl bekommen. Ebenso haben bereits mehrere Mitglieder der ARG im Rechtsmittelverfahren von der zweiten Instanz, also vom Bundesverwaltungsgericht, Asyl bekommen; dabei wurde „im Namen der Republik“ festgestellt, dass ihnen die Flüchtlingseigenschaft zukommt. Es freut mich, dass wir als ARG schon in mehreren Fällen in einer für die betroffenen ARG-Mitglieder wirklich existenziellen Angelegenheit wirksam (mit-) helfen konnten, indem wir die Wahrnehmung und Anerkennung ihres persönlichen Atheismus unterstützt haben (z. B. als Zeug*innen vor Gericht).

Die aktuelle Richtlinie 2011/95/EU (die sog. „Statusrichtlinie“) des Europäischen Parlaments und des Rates (als Neufassung der in der konkreten Bestimmung nahezu wortgleichen Richtlinie 2004/83/EG des Rates der Europäischen Union) erklärt im Artikel 10 Absatz 1 Buchstabe b sehr klar und deutlich: „der Begriff der Religion umfasst insbesondere theistische, nichttheistische und atheistische Glaubensüberzeugungen, die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme an religiösen Riten im privaten oder öffentlichen Bereich, allein oder in Gemeinschaft mit anderen, sonstige religiöse Betätigungen oder Meinungsäußerungen und Verhaltensweisen Einzelner oder einer Gemeinschaft, die sich auf eine religiöse Überzeugung stützen oder nach dieser vorgeschrieben sind“.

Diese Begriffsbestimmung von Religion wird auch im Eintragungsverfahren der ARG eine Rolle spielen. In diesem Eintragungsverfahren beim Kultusamt wird es ganz zentral um die Frage gehen, was das staatliche Recht in Österreich aktuell unter einer „Religion“ und damit zusammenhängend unter einer „Religionsgemeinschaft“ versteht. Eine nach ihrem eigenen Selbstverständnis „nichttheistische“ Religionsgemeinschaft, nämlich die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft, ist in Österreich seit 1983 gesetzlich anerkannt. Diese Anerkennung war eine buddhistische Premiere in Europa. Es könnte also im Hinblick auf die ARG durchaus interessant und spannend werden.

Irgendwie auffallend und bei näherer Betrachtung wirklich groß ist meines Erachtens das Kommunikationsproblem (bis Kommunikationsdesaster mit teilweise sehr weitreichenden Implikationen), in das auch solche Göttinnen und Götter, die im Verständnis ihrer Gläubigen allwissende und allmächtige Göttinnen und Götter sind, bemerkenswert häufig hineinschlingern bzw. hineinrutschen. Dieses Kommunikationsproblem zeigt sich schon an der Auswahl der jeweiligen Offenbarungssprache. Wer von uns heutigen Menschen versteht beispielsweise das in wichtigen christlichen Offenbarungstexten verwendete alte Griechisch? Wohl nur sehr wenige. Und dennoch hängt im Verständnis der Gläubigen bzw. ihrer Religionsgemeinschaften unter Umständen sehr viel vom richtigen Verständnis dieser Texte ab. Die Frage liegt irgendwie auf der Hand (und ist vielleicht einer von mehreren inhaltlichen Knackpunkten): Warum wurde bzw. wird nicht von göttlicher Seite für uns Menschen wirklich völlig sicher und klar erkennbar und auf eine Art und Weise, die für alle auch im Detail leicht verständlich ist, geoffenbart?

Vor mehreren Wochen hat das „King Abdullah International Center for Interreligious and Intercultural Dialogue” (KAICIID, „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“) in Wien eine internationale Konferenz zur Prävention von Hassrede veranstaltet (“The Power of Words – The Role of Religion, Media and Policy in Countering Hate Speech”, 30.-31.10.2019). Die ARG hat dazu eine offizielle Einladung durch den Generalsekretär des KAICIID erhalten; ich war ein Teilnehmer dieser KAICIID-Konferenz. Ein tragender Grundgedanke dabei war für mich: Gewalt – und Hassrede – kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Im Hinblick auf Religion besteht meines Erachtens eine der großen Herausforderungen darin, mit wirklich offenen Augen nach gewalttätigen Worten und Textpassagen auch in der jeweils eigenen Tradition zu suchen. Könnten Gewalt und Hassrede auch in der jeweils eigenen religiösen Tradition gegenwärtig sein? Das ist vielleicht eine der religiös herausforderndsten Fragen, denen wir auf dem Weg eines engagierten Auftretens gegen Gewalt und Hassrede im Bereich der Religion begegnen. Ich denke, dass wir wohl alle dazu aufgerufen sind, unsere Bemühungen zu stärken, uns gegenseitig zu helfen, Gewalt und Hassrede auf konstruktive und menschenrechtlich unbedenkliche Weise aus dem Bereich der Religion zu beseitigen. Es ist und bleibt hier ganz offenkundig noch sehr viel zu tun.

Wirklich „kritische“ (im Sinne von genau „unterscheidende“) Religionskritik sollte natürlich gegebenenfalls auch ein positives Potenzial von Religion realistisch wahrnehmen und sollte sich möglichst auch am aktuellen Stand (z. B. religions-) wissenschaftlichen Wissens orientieren. Das wird leider nicht immer erreicht, und auch viele Atheistinnen und Atheisten haben vergleichsweise unkritische, unter Umständen auch sehr verzerrte bzw. verzerrende Vorstellungen von Religion. Dabei sollten sich alle, denen ein realistischer Blick auf Religion(en) ein Anliegen ist, um eine wirkliche Stärkung eines solchen Blicks auf Religion(en) bemühen. Und nicht um ein Ausblenden von (vielleicht manchmal sehr unangenehmer) Kritik.

Ich selbst als ein völlig überzeugter Atheist halte z. B. – aus Gründen, über die wir gerne ins Gespräch kommen und diskutieren können – Göttinnen und Götter für nicht erforderlich, um mir vieles auf dieser Welt (z. B. natürliche Evolutionsprozesse und kulturelle bzw. historische Entwicklungen) zu erklären. Gleichzeitig sage ich ganz bewusst, dass ich einiges – zum Beispiel, dass Göttinnen und Götter jeweils (nur) Kulturprodukte sind und dass wir alle jeweils (nur) ein einziges Leben haben – tatsächlich „glaube“. Denn wirklich sicher „wissen“ tue ich und tun wir alle das ja nicht. (Wer kennt schon alle Göttinnen und Götter, die bisher ein Teil der Religionsgeschichte geworden sind? Wie sollte man auf dieser eher prekären Grundlage sicher „wissen“ und dementsprechend beweisen können, dass sie ausnahmslos alle jeweils nur Kulturprodukte waren bzw. sind? Meiner Einschätzung nach werden wir es auch nach unserem Tod nicht besser wissen, weil wir nach unserem Tod tot sind und in dem Maße, in dem dieser Tod wirklich irreversibel ist, dann auch tot bleiben.) Daher ist es berechtigt, hier auch ein gewisses „Nicht-Wissen“ anzunehmen. Und insofern ist auch aktuell ein gewisses „agnostisches“ Moment – das altgriechische Wurzelkompositum „agnós“ (Betonung auf dem langen „o“) mit der verneinenden Vorsilbe „a-“ (dem sog. „alpha privativum“) und der Wurzel „gno“ bedeutet im Grunde genommen so viel wie „unbekannt, ohne Kenntnis/Wissen, unwissend“ – schon aus Gründen intellektueller Redlichkeit völlig gerechtfertigt.

Manchmal ist es so, dass wir in dieser oder jener Hinsicht „ohne Kenntnis/Wissen“ sind und trotzdem – auch ohne Evidenz – einfach handeln müssen, weil wir uns eben genau jetzt entscheiden müssen, etwas zu tun oder zu lassen, und damit bereits eine z. B. ethisch relevante Entscheidung treffen. Gerade da zeigt sich dann die Relevanz des „Glaubens“ für das Handeln.

Letzten Endes sind hier wohl viele unserer Einschätzungen im Grunde genommen persönliche Plausibilitätseinschätzungen. Das ist wohl, so unbefriedigend es in dieser Deutlichkeit auch sein mag, tatsächlich auch der aktuelle Stand der Dinge: Es gibt auch aktuell – soweit ich sehe – weder einen absolut wasserdichten, argumentativ vernünftigerweise unausweichlich zwingenden, unter allen Umständen tragfähigen Göttinnen- bzw. Götter- bzw. Gottesbeweis noch einen solchen Beweis, dass es keinerlei Gottheiten im Sinne menschenunabhängiger, aus sich heraus eigenständiger Akteur*innen gibt bzw. geben kann. Etwas Spekulation ist aktuell in beide Richtungen hin immer zumindest ein wenig mit dabei. Alles das, was uns jeweils zu bestimmten Einschätzungen bewegt (hat) bzw. kommen lässt, ist daher mit hoher Wahrscheinlichkeit ein interessantes und anregendes Thema für einen diesbezüglich sehr konstruktiv auf Augenhöhe geführten, weltoffenen, ernsthaften und weitblickenden Dialog.

Wilfried Apfalter ist Präsidiumsmitglied der Atheistischen Religionsgesellschaft in Österreich (ARG, atheistisch.at) und Mitglied im interreligiösen Dialogforum Ethik der Initiative Weltethos Österreich (IWEO). Aktuelle Buchveröffentlichung: Wilfried Apfalter, Griechische Terminologie: Einführung und Grundwissen für das Philosophiestudium. Freiburg im Breisgau: Alber, 2019.


Über Wilfried Apfalter

Ich halte unsere Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich (ARG) für ein in mehrfacher Hinsicht sehr spannendes Projekt und bin fasziniert von dem, was alles möglich wäre/ist bzw. sein wird.

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