Wie theistische Theologie auf dem Weg zum Atheismus helfen kann (4) 1


Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: ich habe im Titel ein Wort geändert.
Denn ich kann zwar auf einen Fundus von Äußerungen christlicher Theologen zurückgreifen, wichtiger wäre aber ein interreligiöser Dialog mit dem Islam. (Aktuell wäre Gedankenaustausch natürlich am wichtigsten mit jenen islamischen Theologen, die aus dem Hintergrund gewaltbereite Muslime zu religiös motiviertem Terror ermuntern – nur wird sich von denen leider kaum jemand dazu bereit finden.)
Ich habe schon vor Jahren bei führenden Moslems angefragt, wie sie zur Güte Allahs stehen bzw. ob sie (ähnlich wie in den Antworten in den Beiträgen (1) und (3) behauptet wurde) ihren Glauben auf entsprechende Erfahrungen dieser Güte gründen – aber nie eine Antwort erhalten. (Wenn uns jemand helfen kann, diese Wissenslücke zu schließen, sind wir sehr dankbar!)
Also muß vorläufig weiter die christliche Theologie Anschauungsbeispiele stellvertretend für andere Monotheismen liefern. Das erscheint mir zumindest insofern gerechtfertigt, als etwa fanatische Muslime ihren Botschaften sicher nicht weniger hörig sind als fanatische Christen.

Christliche Theologie hat immer wieder argumentiert mit “Erfahrungen”, die ihre Behauptungen angeblich stützen. Mit Erfahrungen, bei denen die Annahme angeblich so nahe liegt, es gäbe eine “jenseitige” Parallelwelt, mit Gott und vielleicht auch mit Geistern, Engeln und Teufeln, die da in unsere “diesseitige” Welt hineinwirken oder -pfuschen.

Schulunterricht

Sehr schön und sozusagen ohne Umschweife war das in den Raum gestellt in einem Schulbuch für katholische Religion für die 5. Klasse AHS [1]:

Gotteserfahrung: Zum Unterschied von rationaler Gotteserkenntnis bedeutet die Gotteserfahrung eine erlebnismäßige Betroffenheit von Gott. (…) Bei echter Gotteserfahrung wird der Mensch auch innerlich so betroffen, dass er daran nicht mehr zweifeln kann. Nicht selten haben solche, von Gott betroffene Menschen viel zu leiden, sie sind herausgefordert und haben eine große Chance.

Kircheninternes Schrifttum

Solch “echte” Erfahrungen, möglichst von jedem Einzelnen ganz persönlich, wären da sicherlich am interessantesten. “Nicht mehr zweifeln können” – das wäre doch ein anzustrebender Zustand im Getümmel dieser Welt! Ein Papst jedenfalls war sich sicher, und mit ihm ein Kardinal [2]:

Papst Johannes Paul II. nach dem Schussattentat vom 13.5.1981 auf ihn: Eine Hand hat die Kugel abgeschossen, eine andere Hand hat sie gelenkt – und zwar weg von der todbringenden Bahn. Kardinal Schönborn sieht das als des Papstes Erfahrung der helfenden Hand Marias.

Dem wollte ich tiefer nachgehen. Welche Hinweise auf solche Erfahrungen gibt es in den theologischen Grundlagenbüchern, die mir vorliegen? In welche Richtung könnte man solcherart einzustufende Erfahrungen sinnvoller Weise suchen? Was spricht dafür, dass es sich dabei um mehr als nur Herbeigewünschtes und Hineininterpretiertes handelt?

Universitäre Theologie

Im Buch des Theologieprofessors Schneider [3] auf S. 60 klingt das recht zurückhaltend:

Gewiss sind wir im Glauben der Überzeugung, dass Jesus Christus und damit auch der Vater uns im Heiligen Geist nahe ist, dass die Lebendigkeit Gottes und die Lebendigkeit Jesu für uns Gegenwart ist, im Gebet, in der Meditation, im Gottesdienst zu erfahrende und zu realisierende Gegenwart. Dennoch bleibt bestehen, dass diese unsere gläubige Überzeugung auf dem Fundament der Apostel und Propheten ruht, wie das Neue Testament sagt. Mit anderen Worten: Die lebendige, geisterfüllte Beziehung in der Gegenwart ist notwendig angewiesen auf das konkrete apostolische Zeugnis von diesem Jesus Christus, das aus der Vergangenheit zu uns kommt.

Und auf S. 189 gibt er sich auch nicht gerade euphorisch:

c) möglicher heutiger Zugang: Der Mensch Jesus (…) Unsere Zeit, die sich sehr schwer tut mit Transzendenzerfahrung, die den Menschen weithin eindimensional sieht als ein geheimnisleeres, durchschaubares, kalkulierbares, verplanbares Wesen, nähert sich Jesus mit der Hoffnung, diesen Menschen als möglichen Ort einer neuen Gotteserfahrung ausmachen zu können. (..) Durch Jesus bricht die Liebe Gottes selbst in unsere Geschichte und unser Leben ein.

Das sind die konkretesten Hinweise auf heutige Gotteserfahrungen im Buch von Schneider, das ich – wie auch mehrere andere theologische Bücher – gründlich danach durchsucht habe. Die von ihm so genannten Erfahrungen der “Abwesenheit Gottes” führt Schneider aber um vieles konkreter an: Jede Form des nicht zu verstehenden Leides.

(S. 27) Einer Grundentscheidung (zum Glauben an Gott, Anm. H.G.) (…) stehen bittere Erfahrungen entgegen: Zeigen nicht ungezählte Menschenschicksale, dass dieser Glaube an die Rettung des Menschen (durch Gott, Anm. H.G.) doch ins Leere läuft? Ist nicht der selbstlose Einsatz für die Würde des Menschen meistens “vergebliche Liebesmüh”? Ist die Leidensgeschichte der Menschheit auch nach “Christi Geburt” nicht ein einziger Gegenbeweis gegen die Berechtigung einer positiven Grundoption? Genügt nicht schon eine durchschnittliche Sensibilität für das schreiende Unrecht in der Welt, um jene skeptische Resignation nachempfinden zu können, die man gern als Indifferentismus oder Agnostizismus etikettiert?
Wie lässt sich der Verdacht entkräften, der uns entgegenschlägt, unser Glaube an die Gerechtigkeit Gottes nach dem Tode sei vielleicht doch eine Vertröstung, eine Art “Flucht ins Jenseits” angesichts unserer Wirkungslosigkeit und Schwäche und unseres Unvermögens, das “Diesseits” im Sinne des Evangeliums zu gestalten? Müssen nicht auf einen Außenstehenden feierlicher sonntäglicher Gottesdienst und heftiger Streit um die richtige Auslegung dogmatischer Sätze und so manche Aktion privater oder kollektiver Frömmigkeit angesichts der Folgenlosigkeit unseres oft so blutleeren und lebensfernen Glaubens den peinlichen Eindruck machen, es handele sich vermutlich doch um eine Art Ersatz für mangelnde Praxis?

Und auf S. 78 greift Schneider zurück auf Formulierungen seines berühmten Kollegen Hans Küng:

(vgl. H. Küng, Christ sein, München 1974, 61-80; ders., Existiert Gott? 471-640)
Ambivalenz unserer Welterfahrung.
Ausgangspunkt unserer Erwägungen ist dabei die Ambivalenz unserer Welterfahrung: Der Erfahrung des Absurden und Abwegigen, der Sinnlosigkeit, Bosheit und Grausamkeit, der Naturkatastrophen, des Versagens und Unvermögens steht immer auch die Erfahrung des Schönen und Beglückenden, der gelungenen Gemeinschaft, der beseligenden Begegnung, der Freude, des Enthusiasmus, der Liebe und Treue gegenüber, und zwar so durchgängig, dass oft nur die augenblickliche Stimmung oder die persönliche Veranlagung darüber entscheidet, ob wir mehr die hellen oder die dunklen Farben wahrnehmen. Diese Ambivalenz ist eine irritierende Erfahrungsbasis für die Frage nach der Wirklichkeit Gottes, denn in dem Maße, wie sie auf ihn verweisen könnte, zieht sie ihn auch wieder in heftigen Zweifel.

Auch Küng geht also offenbar von nicht mehr als einer “irritierenden” Erfahrungsbasis aus.

Suchen wir weiter.
Walter Kasper, seit Jahren Kurienkardinal in Rom, beklagte in [4] als junger Theologieprofessor mehrfach die Kluft zwischen Glaube und Erfahrung.

(S. 13): Gemeint ist mit der Rede vom Tod Gottes (…), dass Gott insofern tot ist, als vom Glauben an ihn keine Impulse ausgehen, welche das Leben und die Geschichte bestimmen, dass er nicht mehr lebendig in unserem Leben gegenwärtig ist, und dass die Aussagen des Glaubens nicht mehr die wirklichen Probleme und Erfahrungen der Menschen treffen. (…) Die Kluft zwischen dem Glauben und der menschlichen Erfahrung ist deshalb eines der schwersten Probleme gegenwärtiger Verkündigung und Theologie.

 

(S. 23): [Die “dialektische Theologie”, also Karl Barth, 20.Jh.] hat die Kluft zwischen dem Glauben und der menschlichen Erfahrung eher verschärft als überbrückt.

 

(S. 28): Jeder von uns ist schon Menschen begegnet, denen jegliche Antenne zu fehlen scheint, wenn wir von Gott sprechen. Ja, vielleicht bedeutet es in der gegenwärtigen Situation eine der schwersten Anfechtungen für den Glaubenden, zumal für die, welche mit der Verkündigung des Glaubens beauftragt sind, dass es eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die ohne den Glauben an Gott zu einem erfüllten und glücklichen Menschsein finden. Es fehlt ihnen scheinbar nichts, was ihnen der Glaube geben könnte. Zumindest in den Formen und Formeln, mit denen wir den Glauben kirchlich artikulieren, entspricht er nicht mehr ihren Problemen und Erfahrungen. Aber auch die Glaubenden stehen zunehmend unter dem Eindruck einer Kluft zwischen Glauben und Erfahrung. Der Gläubige findet in seiner alltäglichen Erfahrung immer weniger Spuren Gottes, und er kann das, was er glaubt, in seinem Alltag immer weniger verifizieren. Sein Glaube gleicht Wechselgeld, das nicht mehr gedeckt ist durch die harte Währung der menschlichen Erfahrung. Durch dieses besorgniserregende Auseinanderklaffen von Glauben und menschlicher Erfahrung droht der Glaube zu einem bloßen Überbau zu werden.

Auch bei Kasper also durchwegs Hinweise, die stark gegen (mono-)theistische Glaubens- und Gotteserfahrung sprechen, und wieder kein einziger konkreter Hinweis dafür.

Religionsjournalist im Gespräch mit säkularem Philosophen

Konrad Paul Liessmann

Konrad Paul Liessmann

In einer im Radio (ORF/Ö1) gesendeten Diskussion zwischen einem engagierten Religionsjournalisten und Magister der Theologie (im Folgenden JJJ) und dem Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann (L) kam die Rede ebenfalls auf religiöse Erfahrungen. Hier der Ausschnitt:

JJJ Na, ich brauche die Religion nicht, sondern ich mache die Erfahrung, dass es etwas gibt, was mich trägt. Und das lässt mich überhaupt tiefer fragen nach einer Erfahrung, die da ist, also ich gehe von einer Erfahrung aus, nicht von einer Vorstellung – ich brauche Gott nicht als irgendeine Fröhlichkeitspille oder eine Überwelt.
L Eine gute Dimension der religiösen Erfahrung, die unbeeinspruchbar ist, weil jede Erfahrung unbeeinspruchbar ist. Sie können keinem Menschen, der sagt, er hat jetzt eine Erfahrung gemacht, sagen, nein, diese Erfahrung hast du nicht gemacht. Das Problem, das wir haben, ist ja genau dasjenige, dass sich auf Grund solcher Erfahrungen – die letztlich subjektiv sein müssen – natürlich nicht das ableiten lässt, was wir glauben, brauchen zu können, z.B. eine überindividuelle allgemeine Moral. Das geht nur, wenn diese Erfahrung sich selbst gleichsam verallgemeinert, etwa im Sinne eines Sozialsystems, einer Kirche, einer Institution, einer Vorschrift, oder einer Kette von Geboten und dergleichen mehr. Das heißt also: dass eine religiöse, eine spirituelle, wie auch immer geartete Erfahrung einen einzelnen Menschen trägt, auch noch sozusagen in einer modernen oder spätmodernen Zeit, sei außer Streit. Das Problem …..
JJJ (fällt ins Wort) Ich möchte es mir nicht zu leicht machen, und zwar aus folgendem Grund: Ich entweiche nicht in eine privatistische subjektive Erfahrung sondern ich glaube, was ich jetzt gesagt habe, ist etwas, das alle Menschen kennen, nicht alle Menschen erkennen, aber alle Menschen in der Möglichkeit stehen, zu erkennen. Und das ist etwas, worüber wir uns jetzt unterhalten können, ja, wovon wir sprechen können. Ich möchte nicht sozusagen eine private Frömmigkeitserfahrung hier vorstellen, wo Sie dann sagen können, ja gut, der eine hat’s, der andere nicht, also mich geht das nichts an. Das ist, das wär‘ uninteressant, überhaupt in einem Diskurs, sondern ich glaube schon, dass das etwas ist, was uns alle irgendwie tragen kann, wenn wir uns selber inne werden, ja.
L Was führt Sie zu dieser Behauptung? Also wie lässt sich sozusagen eine Erfahrung, die man selber gemacht hat, wie lässt sich die in der Weise verallgemeinern, dass man sagt, eigentlich macht die jeder, oder wie Sie ja selber sehr …
JJJ (fällt ins Wort) es kann sie!
L … formuliert haben: es kann sie jeder machen. Und in diesem Es-kann-sie-jeder-machen steckt ja schon etwas wie ein versteckter Imperativ. Denn dieses Es-kann-sie-jeder-machen heißt ja eigentlich, es könnte sie jeder machen, und dieses Es-könnte-sie-jeder-machen heißt eigentlich, es müsste sie jeder machen.
JJJ Na, so sehe ich das nicht, nein, und ich glaub‘, dass das eher schon ein Geschenk ist, wenn man so eine Erfahrung hat, und wenn man sich in so eine Erfahrung einlassen kann, sag ich mal so. Aber die Frage, was mich da trägt, oder was mich dann tiefer diesem Grund nachgehen lässt, ist schon eine, wo ich sag, da erfahr ich etwas Abgründiges, ja, etwas, was sich entzieht, etwas, was mich staunen, wundern macht, dass es überhaupt etwas gibt, dass ich überhaupt etwas tun kann, etwas sinnvolles tun kann, dass ich einen Anfang hab‘ und ein Ende hab‘, dessen Grund ich nicht sehen kann. Da sehe ich nichts, das gebe ich zu, da sehe ich nichts, das ist mir entzogen. Aber ich vermute, dass das, woher ich komme, und das, wohinein ich gehe, eins ist. Und das denke ich, ist die Schwierigkeit auch, die wir haben, weil wir, wenn wir ehrlich sind und genau schauen, stehen wir da vor einem Dunkel.

Ich habe es sehr schade gefunden, dass Liessmann zu seiner Frage an den ORF-Journalisten Mag. jjj JJJ, wie dieser zur Behauptung komme, religiöse Erfahrung könne jeder machen, nicht auf eine konkretere Antwort gedrängt hat. Ich habe mir daher erlaubt, dem Herrn Magister diese Frage schriftlich zu stellen. Der daraus folgenden Schriftverkehr werde ich nächste Woche in Beitrag (5), dem letzten Beitrag dieser Serie, präsentieren.

Quellen

[1] A. Karlinger, J. Hörmandinger, L. Trojan; wem glauben? Österreichisches Schulbuch Nr. 4113, 5. Klasse AHS, S. 115 (offiz. Zulassung Nov. 1984, in Gebrauch als Schulbuch meiner Kinder 1995 bis 2000)
[2] thema kirche – Das Magazin für Mitarbeiter/innen der ED Wien. Informationen aus erster Hand. 10/2000, S. 5
[3] Theodor Schneider: Was wir glauben – Eine Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses; Patmos 5. Auflage 1997 (1. Auflage 1985). T. Schneider ist (oder war) Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität Mainz. Sein Hauptarbeitsgebiet: eine zeitgemäße Vermittlung des überlieferten Glaubensgutes. (laut Angabe auf dem Buchdeckel)
[4] Walter Kasper, Einführung in den Glauben; Grünewald 1. Auflage 1972, zitiert aus 6. Auflage (1980)

Bildquelle: SPÖ Presse und Kommunikation, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30698355


Über Hermann Geyer

Hermann Geyer, Jahrgang 1951 und fünffacher Vater, nützt seine technische Ausbildung jetzt nur mehr privat in und um Haus und Garten - wodurch er weltanschaulich motivierten Aktivitäten mehr Zeit widmen kann.


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