Eine mögliche Predigt: Harry Potter und die Magie (Spoiler Warnung) 1


Wenn man aus Harry Potter sämtliche Zaubersprüche und Zauberstäbe nähme, bliebe immer noch eine spannende Welt übrig. Gerade der Handlungsstrang in der Auseinandersetzung zwischen Harry Potter und Voldemort bietet sich an, als Metapher gelesen zu werden.

1. Die Magie in der Welt von Harry Potter

Stellen wir uns eine Schule vor, in der Astronomie, praktische Astronomie, zum Stundenplan gehört, die SchülerInnen gehen in eine Sternwarte und beobachten mit eigenen Augen (und Teleskopen) die Bahn der Planeten und Sterne am Himmel. Untertags lernen sie, Pflanzen anzubauen, zu pflegen und zu ernten. Die wirkstoffhaltigen Pflanzen werden im Fach „Zaubertränke“ zu Salben, Tinkturen und Tees verarbeitet, die aufputschen oder beruhigen, Schmerzen lindern und Krankheiten heilen können. Außerdem gibt es ein Fach, in dem die Pflege von Tieren gelernt wird. Wenn dann noch dazu diese Schule in einem abgelegenen Teil des Landes in einem jahrhundertealten Schloss untergebracht ist, zum Schulgelände ein See gehört, der am ersten Schultag mit Booten überquert wird, dann ist diese Schule bereits zauberhaft, ohne dass ein einziger Spruch gewirkt wird. Die Phantasie wird nicht in erster Linie durch die unrealistischen Aspekte der Magie beflügelt und befriedigt, sondern durch den durchaus machbaren Aspekt einer lebenspraktischen und naturnahen Ausbildung in spannender Atmosphäre. Ich gebe zu, etwas ins Schwärmen zu geraten, weil ich diesen Punkt hervorheben will. Kritik an Hogwarts ist natürlich möglich und in vielerlei Hinsicht berechtigt wenn nicht gar nötig. Trotzdem bleibt es eine faszinierende Schule.

2. Die Auseinandersetzung zwischen Harry Potter und Voldemort

(Spoiler Alerts: Alles mögliche)

Harry Potter wird kurz nach seiner Geburt von einem Fluch getroffen, der ihn als Auserwählten markiert, Voldemort zu bezwingen, oder zugrunde zu gehen.

Voldemort, das ist die reine Selbstsucht. Unfähig irgendetwas außer sich selbst zu lieben, verkörpert er puren Narzissmus und Egoismus. Weil ihm nichts in der Welt so viel bedeutet wie sein eigenes Leben, ist ihm die Vorstellung seiner eigenen Sterblichkeit der schlimmste Schrecken. Weil er seine Vergänglichkeit nicht akzeptieren kann, ist er bereit alles zu tun, um sie zu überwinden. Er mordet, foltert, manipuliert und verführt. Er ist gnadenlos gegen seine Feinde, seine Diener und sich selbst. Nichts ist ihm heilig, jeden Fluch nimmt er auf sich im Bemühen sein nacktes Überleben zu sichern. Er strebt nach Macht, denn diese gibt scheinbar Sicherheit. Vor lauter Streben nach Unsterblichkeit hat er eigentlich nichts, für das es sich für ihn zu leben lohnt. Er hat keine Aufgabe, nichts, für das er etwas aufgeben würde. Wie Viktor Frankl attestieren würde, muss er in einer existentiellen Sinnkrise sein. Gerade weil er in seinem Leben nichts hat, das ihm über sich selbst hinaus geht, ist ihm der Gedanke an den Tod so unerträglich, dass er dessen Bekämpfung alles unterordnet, was wiederum dazu führt, dass der Kreislauf von vorne beginnt.

Harry Potter wird von Voldemort berührt, bekommt einen Teil seiner Seele ab. Er wird dadurch markiert und zum Auserwählten gekoren. Harry Potter ist Mensch, Menschen sind sterblich, also ist Harry Potter sterblich. Wie so viele Menschen tut er sich mit diesem Gedanken nicht leicht. Die Vorstellung, dem Tod zu entgehen, reizt ihn durchaus. Der Gedanke, freiwillig in den Tod zu gehen, wie das Nicholas und Perenelle Flamell, die einzigen Besitzer des Steins der Weisen nach über 600 Jahren Lebens am Ende des ersten Bandes tun, ist für Harry unverständlich. Dumbledore versucht es ihm schon früh zu erklären.

Durch die Bücher hindurch kommt der Tod immer direkter und persönlicher an Harry heran (von der Erfahrung als Baby abgesehen). Zunächst stirbt „nur“ Quirrel, Voldemorts Diener und Harrys Feind, sowie die Flamells, die Harry nicht kannte, und die immerhin beide über 650 Jahre alt wurden. Dann trifft es Cedric Diggory, einen Mitschüler, später seinen Paten Sirius Black, seinen Mentor Albus Dumbledore und in weiterer Folge ziemlich viele liebgewonnene Charaktere (ja, auch die Eule Hedwig).

Während der Tod Harry näher kommt, hat Harry öfter die Wahl, zwischen seiner persönlichen Sicherheit, und der Option sich zu engagieren, sein Leben zu riskieren. Er will nicht, dass andere ihr Leben riskieren um ihn zu beschützen, er will nicht, dass andere sich für ihn opfern. Der Gedanke, dass seinetwegen andere zu schaden kommen, ist für ihn schlimmer, als die Vorstellung des eigenen Todes. Sein „Weltbeschützer“- oder auch „hirnverbranntes Helden“-tum, bringt eines deutlich hervor: Er ist nicht wie Voldemort. Er kann auf Kräfte zurückgreifen, die Voldemort nicht kennt, und mit denen er nicht umgehen kann. Harry selbst ist mehrfach versucht, unverzeihliche Flüche anzuwenden. Nein, er tut es sogar: Er verwendet den Cruciatus-Fluch gegen Bellatrix Lestrange. Doch er wirkt nicht: Man muss dem anderen wirklich wirklich Schmerzen zufügen wollen, damit er wirkt. Harrys Versuch „scheitert“ daran, nicht wirklich quälen zu wollen. Er bleibt bei seinem Markenzeichen, dem Entwaffnungszauber „Expelliarmus“, der den Gegner nicht verletzt, quält oder tötet, sondern entwaffnet und dadurch unschädlich macht. Während seine Gegner ihn dafür Verhöhnen, reicht dieser Zauber im Endeffekt um Voldemort zu besiegen (was niemandem vorher gelungen ist). Harry hat es nicht nötig, zu töten, um seine Ziele zu erreichen. Ganz im Gegenteil: Er will nicht, dass die Freunde seines Vaters zu Mördern werden, weil das Töten selbst einen solchen Schaden beim Täter verursacht. Kurz gesagt: Harry akzeptiert den Tod als Teil des Lebens, der nur dadurch überwunden werden kann, dass man sich durch die Angst davor nicht das Leben vergällen lässt.

Wenn ich die Geschichte metaphorisch interpretieren will, ist Voldemort ein Charakterzug in Harry Potter (und Harry Potter, die Figur durch deren Augen wir alle die Welt des Buches erfahren ist jede/r von uns). Er ist die Angst vor dem Tod, die jeden Menschen begleitet. In dem Harry endgültig akzeptiert, dass er lieber sterben würde, als seine Freunde leiden zu sehen, indem er bereit ist, sein Leben zu geben, um etwas darüber Hinausgehendes (Transzendentes) zu schützen, verliert der Tod seinen Schrecken. Voldemort kann ihm und seinen Freunden ab diesem Moment nichts mehr anhaben. Die Narbe wird nie wieder Schmerzen.

Die eigentliche Magie wird nicht mit Zauberstäben gewirkt. Es ist die Einstellung zum Leben, die im Endeffekt über Sieg und Niederlage entscheidet. Es ist die Seele, die Harry Potter vor Voldemort rettet, und die Voldemort am Schluss alles kostet. Die Seele, die bis dahin in keinem Zusammenhang mit magischer Macht erwähnt worden war: In keinem Schulfach und in keinem Kampfzauber war je von der Seele die Rede. Sie konnte nicht verwendet werden, und entschied doch am Schluss alles. Sie entzieht sich einer gewissen Art der Betrachtung, bleibt für profane Augen unsichtbar. Dumbledore selbst begriff ihre Bedeutung, auch wenn er seiner Erkenntnis nicht ganz zu folgen vermochte. Harry erkannte sie erst im siebten Band (als er sich für die Horkruxe und gegen die Heiligtümer des Todes entschied), und wusste auch da zunächst nicht, ob er sich richtig entschieden hatte. Die Seele hilft nicht, andere Menschen zu beherrschen, sondern mit ihnen Zusammenzuleben, sie hilft nicht, einen Menschen zu bezwingen, aber sie hilft, nicht bezwungen zu werden. Sie hilft nicht, dem Tod zu entrinnen, aber sie ist die Notwendige Bedingung dafür, vor dem Tod ein gutes Leben zu leben.
Das ist es letztlich, was wir vom Leben erwarten können: Vor dem Tod gut zu leben. Und diese Nachricht ist tröstender als man beim ersten Mal lesen glauben möchte….

Nachsatz: Harry Potter ist eine Zauberwelt, wo Stühle in Vögel verwandelt werden können, und umgekehrt. Vieles folgt nicht unseren Gesetzen der Natur. Was die „Seele“ genau ist, wird nicht eindeutig geklärt. Nur eben, was sie nicht ist, und wie wichtig sie ist. Das „Seelenheil“, das so oft von den Religionen als für das Jenseits wichtig erklärt wird, entfaltet seine Wirkung bei Harry Potter jedoch schon im Diesseits. Eine „Unsterblichkeit“ der Seele spielt für die Betrachtung letztlich keine Rolle.

Quellenhinweis:

“Die Philosophie bei Harry Potter” , Bassham und andere 2010

Harry Potter 1-7 – Joanne K. Rowling

https://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Potter


Eosphoros

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Die Frage des Atheismus ist nicht: Gibt es einen Gott, sondern vielmehr: Wenn es keinen Gott gibt, wie geht dann das Leben? Kann man auch beten, ohne zu jemandem zu beten? Kann man auch sterben ohne weiterzuleben? Und wenn ja, wie? Es ist eine häufig ungedankte Aufgabe, Menschen ihrer Illusionen zu berauben. Der Wille zur Wahrheit und der Wille zur Verantwortung sind anstrengend, Illusionen oft der einfachere Weg. Nicht umsonst wurde der Lichtbringer Prometheus an einen Felsen gekettet und gefoltert, der Engel Lucifer in die Hölle (oder auch auf die Erde?) verbannt. Tja, aber da sind die Menschen nun. Keine Menschen im Olymp, und kein lebendiger Mensch im Paradies. Das beste was die Menschen hoffen können, ist es sich einigermaßen gut einzurichten. Dazu bedarf es der Weisheit, einer Eigenschaft beziehungsweise Fertigkeit die nur all zu oft mit "Wissen" verwechselt wird. Wissenschaft und Rationalität, es tut mir leid, das sagen zu müssen, sind noch nicht das Ende zur Fahnenstange. Sie dienen dem guten Leben, aber nur, wenn sie richtig eingesetzt werden. In diesem Sinne bemühe ich mich um eine Atheistische Religionsgesellschaft, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis, verknüpft micht kultureller Erfahrung, politischen Betrachtungen, Philosophischen Überlegungen und möglicherweise tradiierter Mythen.


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