Artikel auf Vice Alps: „Österreichische Atheisten wollen eine Religionsgemeinschaft gründen“ 2


Heute, am 22.12.2016 erschien auf Vice Alps ein Artikel über die Atheistische Religionsgesellschaft mit einem Interview mit unserem Präsidiumsmitglied Nikolaus Bösch. Wir freuen uns über das Interesse von Vice Alps und Michael Bonvalot und diese tolle Möglichkeit, ein größeres Publikum zu erreichen, noch dazu in einer Zeit, wo “Besinnlichkeit” und “Feiern” ohnehin gerade Top-Thema ist.

Wir stehen natürlich für weitere Fragen offen (z.B. unten im Kommentarbereich). Fürs erste möchten wir folgende offenen Fragen und Punkte versuchen zu klären:

Aber ist es nicht inkonsequent, gegen Religionen zu sein und dann selbst eine sein zu wollen?

Diesen augenscheinlichen Widerspruch können wir auf folgende Weise auflösen: Wir sind nicht gegen Religion an sich, können aber mit den bestehenden (meist theistischen) Religionen nur wenig anfangen. Deshalb haben wir unsere eigene Religion gegründet. Nähere Ausführungen dazu sind zum Beispiel hier zu finden: Atheismus – So wenig dogmatisch wie möglich.

Dennoch ist ja eigentlich die zentrale Idee des Atheismus die Wissenschaftlichkeit, was der Idee der Religion widersprechen würde. Die Antworten der ARG auf die Frage einer atheistischen Religionsgesellschaft klingen da noch nicht gänzlich schlüssig.

Wissenschaftlichkeit und Religion sind in unserem Verständnis unterschiedliche Herangehensweisen an die Realität, die sich nicht notwendigerweise widersprechen müssen. Sie beleuchten die Welt um uns aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eine Beschränkung auf eine rein wissenschaftliche Herangehensweise würde zu viele Aspekte der Welt, und was wir Menschen daraus machen, ausklammern.

Um diese allgemeine Sicht noch etwas zu verdeutlichen: Religion bedeutet für uns unter anderem auch “relegere”, wiederholtes lesen und interpretieren von Schriften aller Art. Für uns Atheisten gibt es natürlich keine “göttlichen Offenbarungen”, wir sehen aber in unzähligen menschlichen Schriften Quellen für interessante Gedanken. So haben wir zum Beispiel vor einiger Zeit beleuchtet, was man aus den Harry Potter-Romanen alles herauslesen kann. Nun ist Harry Potter keineswegs eine “wissenschaftliche” Lektüre. Sämtliche Magie, die darin vorkommt, widerspricht der bekannten Physik. Wir wissen, dass diese Geschichten Fiktion sind. Wertet dieser Mangel an Wissenschaftlichkeit diese Romanserie ab? Keineswegs, Harry Potter ist eine eine durch und durch lesenswerte Lektüre.

Zugegeben, in dieser Ausführung habe ich den Begriff der “Wissenschaftlichkeit” auf die Naturwissenschaften beschränkt, aber ich denke, dass der Wissenschaftsbegriff meist in diesem Kontext gebraucht wird.

In einem anderen Versuch, die beiden Begriffe zu fassen könnte  man sagen: Die Wissenschaft strebt nach der Erkenntnis der Welt, wie sie ist. Die Religion befasst sich mit der Bedeutungsdimension des Daseins eines Menschen. Beide vermitteln eine Weltanschauung und nur all zu oft zeigen sich Menschen aus religiösen Motiven bereit, wissenschaftliche Erkenntnisse zurückzuweisen. Das ist aber keineswegs notwendig. So war auch für Carl Sagan, Astrophysiker, Exobiologe, Wissenschaftsvermittler und erklärter Gegner des Prinzip “Glauben ohne Beweise” durchaus vorstellbar, dass sich eine Religion auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse bewegen könnte.

Auch der zeitgenössische Philosoph Robert Pfaller vertritt die nicht ganz neue Position, dass Religion die “Grenze zwischen heiligem und profanem” markiert, wobei das Heilige nicht mit dem Göttlichen gleichgesetzt werden muss: Heilig kann so etwas normales wie eine Unterbrechung des profanen Arbeitsalltags sein. Heilig ist etwas, das durch menschliche Praxis geheiligt wird.

Zu guter Letzt möchten wir zum Thema Weihnachten noch auf unseren Weihnachtsschwerpunkt aufmerksam machen. In diesen Beiträgen und auch in den Kommentaren dazu zeigt sich, wie vielfältig das Weihnachtsfest von Atheistinnen und Atheisten begangen wird.

 


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2 Gedanken zu “Artikel auf Vice Alps: „Österreichische Atheisten wollen eine Religionsgemeinschaft gründen“

  • Philipp Boschak

    Hallo

    Ich habe heute den Vice Artikel über den Versuch seitens ihrer Organisation gelesen Atheisten/innen als eine Religionsgemeinschaft in Österreich zu etablieren. Ich definiere mich seit meinem 16. Lebensjahr als gnostischen Atheisten, weil mir die Moral und Wertevorstellungen der katholischen Kirche, aber auch derer anderer Religionen nicht zusagen bzw. Ich sie für hinderlich halte in einer Welt, die auf Wissenschaft, Menschenrechte und Kultur basieren sollte. Weiterhin sind mir auch die weltlichen Einflüsse der Religionen (welcher auch immer) zutiefst zuwieder. Ich möchte dieser Organisation dringendst davon abraten den Versuch Atheisten und Atheistinnen als eine Religionsgemeinschaft zu definieren weiterzuführen. Denn im Endeffekt wollen viele Atheisten/innen das Gleiche, die Sonderrechte der Religionen in unserer empirisch erklärbaren Welt zu beseitigen und eine säkulare Welt, die auf den von mir oben genannten Kriterien basiert zu verwirklichen. Deshalb halte ich es für sehr bedenklich, sich dieser Sonderrechte für Religionen zu Nutze zu machen, die nur deshalb existieren weil man Religionen im Zuge des Macht und Kapitalgewinnes instrumentalisiert hat und dabei leider auch sehr erfolgreich war. Vielmehr würde es mehr bringen wenn sich ihre und andere atheistischen und humanistischen Organisationen Öffentlichkeitsarbeit, sowie caritativen Aufgaben widmen sollten(diese Aufgaben werden ja auch leider von der katholischen Nächstenliebe monopolisiert). So Ich glaube ich habe genug geschrieben

    Mfg Philipp Boschak

    • Eosphoros
      Eosphoros

      Sehr geehrter Herr Boschak!

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Indem Sie mit uns kommunizieren, statt über uns, ermöglichen Sie einen konstruktiven DIskurs. Ich möchte gerne auf Ihre Argumente eingehen:

      Erstens wollen wir weder sagen, dass “der Atheismus” eine Religion ist, noch, dass “die Atheisten und Atheistinnen eine Religionsgesellschaft” sind. Wir wollen sagen und zeigen, dass es “zumindest eine Gruppe von Atheisten und Atheistinnen gibt, die sich selbst als eine Religionsgesellschaft verstehen. Die sich mit Religion befassen und eine religiöse Praxis entwickeln wollen.”.

      Dies sollte dem Argument Anti-religiöser Atheisten und Atheistinnen keinen Schaden zufügen. Wir selbst verstehen uns größtenteils als Humanisten und sehen eine Bevorzugung der Religionsgesellschaften kritisch. Im Interview sind einige Aspekte der Anschauung zwar etwas kurz gekommen, aber zumindest dieser Punkt war meines Erachtens einigermaßen klar und deutlich heraus gearbeitet.

      Oft beginnt die Auseinandersetzung um Atheismus mit der Frage: Gibt es Gott, und endet mit der Antwort: Ja oder Nein. Für uns beginnt mit dem “Nein” die Frage: Was bedeutet das dann für das Menschsein als Individuum oder als Kultur. Wie kann man einzeln oder gemeinsam die Existenz als Mensch gelungen gestalten?

      Auf der Homepage haben wir einige Versuche (Essays) dazu geschrieben, das Thema ein wenig einzuengen.

      Ich hoffe ich habe Ihre Sorge einigermaßen adressiert. Wir müssen deswegen noch nicht gleich einer Meinung sein, aber wenn wir etwas brauchen, dann sind das gepflegte Diskurse, auch und gerade unter Andersdenkenden.

      Schöne gesetzliche, religiöse, kalendarische Feiertage!