Theodizee – ein kleiner Einblick


Es geht beim Theodizee-Problem um die Frage, wie es sein kann, dass einerseits ein allmächtiger guter Gott auf unser menschliches Wohlergehen bestens bedacht ist, es den Menschen aber nicht dauernd gut geht. Das ist ein starkes Argument gegen Monotheismus.

Solche Zweifel wurden bereits in der Antike sehr prägnant formuliert und speziell von der christlichen Theologie immer wieder abzuwehren versucht, wie das folgende Zitat aus dem Buch [1] eines katholischen Theologen belegt.

Die eigentliche, immer bedrängende und stets neue Herausforderung des Glaubens an die Schöpfung als Werk des gütigen Schöpfergottes ist die Realität des Bösen in der Welt (…).
“Gott und das Böse gleichzeitig zu denken ist von jeher die crux aller Theologie. Trotz aller Antworten, die im Laufe der Geschichte von Philosophen und Theologen gegeben wurden, springt diese unheimliche Frage jeden Gläubigen immer wieder mit ungebrochener Wucht an und bringt jede Theologengeneration neu vor die Aporie, die der Philosoph Epikur schon 300 Jahre vor Christus so formuliert hat:
‚Entweder will Gott das Böse nicht verhindern, dann ist er nicht allgütig. Oder er kann es nicht verhindern, dann ist er nicht allmächtig. Oder er kann und will nicht, dann ist er schwach und neidisch zugleich. Oder er kann und will – und dies allein ist Gott angemessen -. woher kommt dann aber das Böse, und warum hebt er es nicht auf?’” (Zitat aus J.B. Bratschen, Gott und das Böse, 43; in: Herderkorrespondenz 33 (1979))

Die lange Wirkungsgeschichte ist also aus obigem Zitat ablesbar: Der katholische Theologieprofessor T. Schneider zitiert 1985 in seinem Buch einen Aufsatz des ebenfalls christlichen Theologen J.B. Bratschen von 1979, der sich seinerseits auf die dem Epikur zugeschriebene Formulierung bezieht. (Nach meinem Wissen ist es strittig, ob tatsächlich Epikur der Verfasser dieser Formulierung ist, oder ob sie dem Epikur nur untergeschoben wurde – was aber in der Sache natürlich belanglos ist.)

Die Bezeichnung „Theodizee“ (übersetzt etwa „Rechtfertigung Gottes“) für dieses gedankliche Problem stammt vom Philosophen Leibniz (1646 – 1716). Leibniz kam dabei zum Schluss, Gott habe “die beste alle Welten” geschaffen, die Menschen könnten das aber nicht immer erkennen.

Das sahen natürlich nicht alle so.

Sein jüngerer Zeitgenosse Voltaire (1694 – 1778) etwa bekämpfte einerseits die kirchlichen Lehren, glaubte aber bis zuletzt an Gott als Schöpfer. Bezüglich der Güte Gottes änderte er allerdings seine Einstellung im Lauf des Lebens.

Einige Zitate (entnommen aus [2]) illustrieren das:

Voltaire wurde nicht müde, die Absonderlichkeiten der christlichen Lehre aufzudecken, „das gefährliche Bild der heiligen Lügen, von denen die Erde erfüllt ist. Gott erschuf die Welt und ertränkte sie dann, nicht, um ein reineres Geschlecht hervorzubringen, sondern um sie mit Räubern und Tyrannen zu bevölkern. Und nachdem er die Väter ertränkt hatte, starb er für deren Kinder, allerdings ohne Erfolg …
Dieser Herrscher, der das, was wir Gerechtigkeit nennen, in verschwenderischer Fülle besitzt, dieser Vater, der seine Kinder so unendlich liebt, dieser Allmächtige soll Wesen nach seinem Bilde geschaffen haben, um sie alsbald durch einen bösen Geist in Versuchung zu führen und der Versuchung erliegen zu lassen, um Wesen, die er unsterblich geschaffen hatte, sterben zu lassen, um ihre Nachkommenschaft mit Unglück und Verbrechen zu überhäufen? …. Betrachtet man diese Lehre als Philosoph, dann ist sie gewiss ungeheuerlich, abscheulich. Sie macht aus Gott die Bosheit selbst.“

Dieser Kampf Voltaires gegen das Christentum entsprang keinem Atheismus:
„Ich bin kein Christ, aber nur deswegen nicht, um ihn, den Gott, um so mehr zu lieben.“

Einerseits formulierte er Beweise für Gottes Existenz:
„Es gibt etwas, also gibt es etwas Ewiges, denn nichts kommt aus dem Nichts. Ich wundere mich, dass man unter so vielen überstiegenen Beweisen für das Dasein Gottes noch nicht darauf verfallen ist, das Vergnügen als Beweis anzuführen; Das Vergnügen ist etwas Göttliches, und ich bin der Meinung, dass jedermann, der guten Tokaier trinkt, der eine schöne Frau küsst, mit einem Wort, der angenehme Empfindungen hat, ein wohltätiges höchstes Wesen anerkennen muss.“

Andererseits stammt aus seiner Feder auch:
„Das Volk braucht eine Religion.“
Und:
„Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden.“

Voltaire war 61 Jahre alt, sollte also noch 23 Jahre leben, als im Jahr 1755 nach Christus ein gewaltiges Erdbeben Lissabon zu zwei Dritteln zerstörte und 30 000 Menschen tötete. Er schrieb: „Die Natur ist sehr grausam. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Gesetze der Bewegung in ‚der besten aller Welten‘ solche entsetzliche Katastrophen bewirken können. …. Was für ein erbärmliches Glücksspiel ist doch das Spiel des menschlichen Daseins.“

Er knüpft hier also erkennbar an Leibniz an, widerspricht ihm. In seiner berühmten Satire „Candide oder der Optimismus“ spöttelt er 1759 weidlich über die Leibnizsche Sichtweise [3]. Leonard Bernstein hat 1956 den Stoff fulminant als Musical vertont.

Voltaire im hohen Alter: „Das Glück ist nur ein Traum, und der Schmerz allein ist real; seit 80 Jahren empfinde ich das und weiß nichts anderes, als mich darein zu ergeben…. Diese Welt ist ein Jammertal.“ Und:
„Ich will nicht untersuchen, ob der große Baumeister der Welten gut ist; es genügt mir, dass es einen solchen gibt.“

Die Philosophiegeschichte hat dazu natürlich noch ganz andere Meinungen entstehen lassen, wie ich gerne in künftigen Beiträgen darstellen möchte.

Für mich persönlich hat Voltaire einen wichtigen, weil gedanklich sehr klaren Schritt vom Theismus zum Deismus vollzogen. Es ist logisch sehr konsequent, Gott vor allem (also ehe man über seine Existenz urteilt) die Güte abzusprechen. Dass es uns nicht ständig hinreichend gut geht – das können wir bestens beurteilen. Und die Behauptung monotheistischer Religionen (etwa entsprechend der christlichen Erbsündenlehre), alle Übel seien von Menschen verursacht, ist durch katastophale Naturereignisse (wie z.B. Erdbeben) ad absurdum geführt. Beides können wir aus unserer menschlichen Erfahrung heraus klar beurteilen.  Über Gottes Existenz als bloßer Schöpfer ist hingegen auch aus unserer heutigen Sicht keine ähnlich klare Aussage möglich. Denn wenn er nicht gütig, wohl aber mächtig ist, kann er unsere Erkenntnisfähigkeit nach Belieben manipulieren, sodass wir gar nicht mehr zu klaren Gedanken fähig sind.

Und auch, wenn so ein Gott auf eine Weise gütig wäre, die wir nicht verstehen (d.h., wenn wir gar nicht beurteilen könnten, ob es uns gut geht) könn(t)en wir über die (Nicht-)Existenz dieses Gottes nichts Sinnvolles aussagen.

Ich finde in dem Zusammenhang interessant, dass es eine nette Anektote (überliefert von Cicero) aus der Antike gibt, in der sich die Diskussion ebenfalls vor allem auf die Güte von Göttern fokussiert:

Als Diagoras in Samothrake die Votivtafeln betrachtet, die nach Schiffbrüchen gerettete Seeleute gestiftet hatten, fragt ihn ein Freund: “Du, der du meinst, die Götter kümmerten sich nicht um die Angelegenheiten der Menschen, erkennst du aus der Menge der Votivtafeln denn nicht, wie viele Menschen durch ihre Gelübde der Gewalt des Sturmes entronnen und wohlbehalten in den Hafen gelangt sind?” – “Richtig!”, erwidert er. “Man sieht ja nirgends die Bilder derjenigen, die Schiffbruch erlitten und im Meer den Tod gefunden haben!” [4]

Diagoras wurde 475 v. Chr. geboren und im Alter von 60 Jahren wegen Gottlosigkeit hingerichtet – ein Schicksal, das er mit Sokrates und vielen anderen teilt. Es war also schon im Altertum bewußt, dass bei solchen Gelübden eine Art “natürlicher Auslese” stattfindet: Jene, die nach einem Gelübde überleben, strömen vor Dankbarkeit und Gottesglauben über – jene hingegen, die trotz eines Gelübdes umkommen, schweigen für immer.

 

 

Quellen:

[1] Theodor Schneider: Was wir glauben – Eine Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses; Patmos 5. Auflage 1997 (1. Auflage 1985). T. Schneider ist (oder war) Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität Mainz. Sein Hauptarbeitsgebiet: eine zeitgemäße Vermittlung des überlieferten Glaubensgutes. (laut Angabe auf dem Buchdeckel)

[2] Wilhelm Weischedl: Die philosophische Hintertreppe; dtv 1119, 7. Auflage, S. 154ff)

[3] Bertrand Russell: Denker des Abendlandes; dtv 30019, S. 319

[4] Georges Minois: Geschichte des Atheismus; Böhlau 2000, S. 44


Über Hermann Geyer

Hermann Geyer, Jahrgang 1951 und fünffacher Vater, nützt seine technische Ausbildung jetzt nur mehr privat in und um Haus und Garten - wodurch er weltanschaulich motivierten Aktivitäten mehr Zeit widmen kann.

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